„Vergebens," so schreibt er in seinen Dialogen, „suchte ich meinenLeib abzutödten, zu fasten, zu beten. Die Lüste der Seele wurdenimmer aufgeregter. Endlich las ich die Schrift, und meine Augenwurden geöffnet; Christus offenbarte mir folgende drei Wahrheiten:
„Der Herr habe durch seinen Tod am Kreuze der Gerechtigkeitseines Vaters vollkommen genuggethan und den Auserwählten den Him-mel verdient;"
„die Klostergelübde seien eine menschliche Erfindung;"
„die römische Kirche sei ein Abscheu in den Augen Gottes."
Der arme Jüngling, der damals kaum zwanzig Jahre alt war,hatte nicht nöthig, die Hilfe des heiligen Geistes zu suchen, um diesedrei Lichtstrahlen zu finden, die Luther schon lange vorher in seinemWerke cko csptivitate Kad^Ioniou niedergelegt und durch einen sächsischenMönch einem Kaufmanne von Lyon, Namens Valdo, entwendet wordenwaren.
Im Besitze dieser neuen Schätze bestieg der Bruder Bernardin dieKanzel und sing an, zu predigen; er wußte aber das Gift seiner Jrr-thümer geschickt zu verbergen.
Denkt euch eine Redeweise, warm wie die Sonne Neapels, glänzendwie Rom, schön wie die Vegetation Venedigs, und denkt euch ihreWirkung noch erhöht von einem schwarzen Auge, dem Aussehen einesAnachoreten, und einer ganz theatralischen Mimik. Die Zuhörer warenganz hingerissen. Italien sprach nur von den Reden des BrudersBernardin. Die Gelehrten, die Weltfrauen, die Priester, die Möncheund insbesondere das Volk drückten sich an der Kirchthüre, in welcherer sich hören ließ. Als Carl V. aus der Kirche ging, rief er aus:„Dieser Mensch würde die Steine zum Weinen bringen."*) Sadoletverglich ihn einem antiken Redner?) Eines Tages kam Venedig mitseinen Dogen, seinem Adel, seinen Künstlern und Gondolieren zumPalaste Bembo's und bat, Bernardin möchte während der Fasten-zeit predigen. Bembo schrieb sogleich an die Marquise von Pescaround bat sie, Ochino ihren Schützling zu bewegen, daß er in Venedigpredige. Der Bruder gab seine Zustimmung.
Da schrieb Bembo an die Marquise: „Unser Bruder Bernardinverrückt alle Köpfe: Männer und Frauen, alle Welt ist über den Pre-diger entzückt: welche Beredsamkeit, welche Macht!"^)
1) Schröckh: Christliche Kirchengeschichte seit der Reformation Bd. H., S. 781.
2) 8sckoleti Kpist. in op. pgleanii, p. 558.
3) l.ettere cki kietro vembo, Vol. IV., p. 108, Opere Vol. VIII. WIsno, 1810.