265
„Er beschuldigt mich, ich könne keinen Amtsgenosscn dulden; aberwelche Mäßigung mir eigen ist im Dulden nicht nur meiner Amts-genossen, sondern auch Derjenigen, die über mir stehen, und nicht nurdaß ich sie dulde, sondern auch gutheiße: ist so allgemein bekannt, daßich nicht nothig habe, eine so leere Verleumdung zu widerlegen."
Wer würde sich nicht von einer so honigsüßen Sprache einnehmenlassen, von der man glauben sollte, sie fließe von den Lippen eines Kindes ?Aber Drelincourt hat die Briese seines Vaters in Christo nie gelesen,und Calvin hat vergessen, welche Zeilen er im Jahre 1538 an seinenlieben Bullinger schrieb.
1) Vergleiche im ersten Bande das Kapitel: „Rückkehr nach Genf."
Wir lasten hier einige Bruchstücke ans einem geschriebenen Briefe Calvin'Sfolgen, der uns eine Idee von dem gewöhnlichen Briefstyle desselben gebenkann. Man darf nicht vergessen, daß von einem Herrn de la Vau die Rede ist,
welcher sich zu sagen erlaubt hatte, er könne von dem Systeme des Refor-
mators in Bezug auf die Vorausbestimmung nichts verstehen:
„Obwohl der arniselige Mensch la Vau, nurdie tolleRühmsuchthat, die ihmseine Augen verblendet, ohne daß er das Uebel und den Schaden fühlt, den erverursacht: so werdet ihr doch aus einem Briefe, den er geschrieben hat, deut-lich ersehen, daß Satan ihn treibt und teilet, um euch zu verführen, indemer die Frucht unsrer Arbeit vernichtet, die zur Förderung eures Heils war,und um die heilige Einigung zu trennen, die wir nach all unfern Kräftennähren und bewahren müssen. Weil ich nun einem Menschen antworten soll,
welcher mit euch im Verkehr stand, kann ich den Aergernissen nicht anders
Vorbeugen, welche er anstiften wollte, als daß ich kurz dessen erwähne,was man an seiner Person erkennen kann. Er war immer als ein überspann-ter Mensch bekannt, der sich sogar lächerlich machte. Möge es Gott gefallen,daß ihm nach seiner Geringfügigkeit geniesten werde; denn er würde nichtsfinden, wonach er gerichtet werden könnte. Aber es muß das Sprichwort anihm wahr werden, daß es keine keckere Leute gebe, als die Unwissenden. Alsoherrscht die Pest, welche die Verderblichste in der Kirche Gottes ist, nur all zusehr in ihm, nämlich: eine thörichte Anmassung."
„So wollte er lieber unverschämt sein, als der Wahrheit zustimmcn.Ich erinnere mich, daß er sich vor vier Jahren bei einem Mahle, als erUmrichter Weise behauptet hatte, daß am Tage der Auferstehung den KindernGottes die gleiche Herrlichkeit zu Theil werde, während ich ihm eine Stelledes hl. Paulus anführte, welche ganz das Gegentheil behauptet, obwohl m sichwiderlegt sah, dennoch nicht schämte, mir zu sagen: Ja, das ist eine Stelledes heiligen Paulus. WaS soll man anfangcn mit einem solchen Ketzer,
welcher seine Hörner lieber gegen Gott stößt, als sich demüthigt und bekennt,
er habe gefehlt? Ihr sehet schon zum Theil ein, meine Brüder, weßhalb sich
diese wilde Bestie von uns getrennt hat."
„Was jedoch die Verfolgung betrifft, daß er sagt, wirhaben sie angestellt, um die Lästerer an den Galgen zu brin-gen, so versichere ich euch, daß er nichts als Lügen schmiedet.Ich möchte wohl wissen, seit welcher Zeit er auf den Einfall gerietst, es indiesem Artikel mit Castalion zu halten, da er doch unaufgefordert ein großerGegner von ihm war. Er sage nicht, daß er von einem seiner Freunde
unsertwegen angegangen worden sei, er solle Diejenigen ausforschen, mit denener sich plötzlich vertraut machte; denn obgleich unser Bruder, Meister Johann