Druckschrift 
Zweiter Band (1844)
Entstehung
Seite
259
Einzelbild herunterladen
 

dieses Zeug,riß geben ihm Beza und Drelincourt. Beide rühmen auchseine Uneigennützigkeit sehr hoch; aber ein neuerer Geschichtschreiber,der die Archive der Stadt durchforscht hat, behauptet, er sei reichlich

bezahlt worden, man habe nicht aufgehört, ihm Geschenke zu machen,

und seinem Bruder Alles nachzulassen, was der Rath von ihm anLehensgebübren und Anderem zu fordern hatte, so daß sie jährlich mehrbezogen, als damals mehrere Familien zusammen verzehren konnten/")

Der Rath machte ihm oft Geschenke. Im Jahre 1546 gab erihm 100 Livres für Krankheitsunkosten; im Jahre 1553 dreißig Livres

zu seiner Reise von Genf nach Bern; am 23. Dezember 1556 Holz

zum Heitzen; am 14. Mai 1560 eine Tonne ausgezeichneten Wein.Der Rath war großmüthiger gegen den Reformator, als der Churfürstvon Sachsen gegen Luther, für dessen Keller er besser sorgte, als fürden Kleiderschrank. Der Wein war eben aus den Klosterkellern ge-stohlen, darum zeigten sich hierin die deutschen Fürsten so freigebig.Uebrigens war Calvin in Genf der einzige Prediger, der so glänzendbedacht wurde. Einige Andere waren so schlecht bezahlt, daß sie sichgenöthigt sahen, ihre kranken Kinder in das Spital zu schicken. Manliest in den Archiven eine Urkunde vom 8. Juli 1566:Vergünstigungfür einen der achtenswerthen Prediger, deren Armuth so weit geht,daß sie oft bei ihren Mahlzeiten keine Kloster-Portion haben." DieBesoldung der Aeltesten war (1550 1560) auf vier Sous für dieSitzung festgesetzt; jene der Näthe auf sechs, die eines Rathes derZweihundert nur auf zwei.

Das Haus, welches Calvin bewohnte, lag in der Domherrnstraße;es war einfach und glich allen denen, die in der Nähe standen. Alsder Cardinal Sadolet eines Tages ungekannt durch Genf ging, hatteer Lust, den Reformator zu besuchen, den er so ruhmvoll bekämpfthatte. Er klopfte an die Thüre, und es machte ein Mann auf miteingefallenen Wangen, gebleichten Haaren und in einem abgeriebenenRocke: es war Calvin. Drelincourt schildert uns das Staunen desPrälaten, der, ein Höfling der Medicäer, der Bewohner einer Stadtvon Gold, Edelsteinen und Marmor, den hochberühmten Mann Genfsmitten unter einer zahlreichen Dienerschaft anzutreffen geglaubt habe. Alswenn der Secretär Leo's nicht eine Zeit gehabt hätte, in welcher er die Prachtdes Vatikans vergessen konnte! Calvin hätte staunen müssen, wenn eran die Pforte des bischöflichen Palastes von Carpentras gekommen wäre,und den Hof, das Vorzimmer und die Gemächer voll von Bettlern,

l) Cslitle III- 111112.

17 *