gethan hat. Wenn nun ein Engel käme, um ihn zu befreien! Eskommt einer, der die Züge der fünfzehnjährigen Tochter des Oberrich-ters von Vienne trägt, welcher der Arzt Villeneufe das Leben gerettethatte. Diese flehte, weinte und erweichte endlich ihren Vater. DerOberrichter gab dem Kerkermeister den Befehl, die Augen zuzudrückenund er gehorchte. Man glaubte auch in Vienne, es könnte der Erz-bischof Peter Palmier das Entkommen des Gefangenen begünstigthaben.
Er ist frei: Gott leite und führe den beklagenswerthen Schwär-mer, dem wir eines der vortrefflichsten «seelischen Bücher verdanken,die wir haben. Sein Kopf ist durch das Lesen protestantischerSchmähschriften verrückt worden; er möchte das Oberhaupt einer Sectewerden wie Luther, Melanchthon und Calvin: aus Ehrsucht! Ersagte: „Carlstadt und Zwingli haben die wirkliche Gegenwart Christiim Abendmahle geläugnet; Oekolampadius und Capito haben dieSacramente der Kirche bestritten; Calvin hat die göttliche Vorsehunggelästert; ich will mich an die Dreieinigkeit wagen, und so werde ichdann die Welt von mir reden machen." Diese Welt, welche erst amRande des Abgrundes des Rationalismus stand, wurde vom Schmerzeerschüttert und verließ den SerVet.
Am 7. April, um 4 Uhr Morgens, verlangte SerVet in seinerNachtmütze und in einem großen Schlafrocke, unter dem er den Hutverborgen hielt, von dem Kerkermeister den Gartenschlüssel, den ihmderselbe auch gab. Servet kam bald von dem Altan auf das Dach,über die Mauer in den Hof des Palastes und erreichte das Thor derRhonebrücke. Wohin wird er nun seinen Weg einschlagen? SeinWunsch wäre, das Königreich Neapel zu erreichen, um dort die Arz-neikunde auszuüben. Er schlug aber den Weg nach der Schweiz ein,anstatt nach Piemont zu gehen; sei es, weil er in katholische Händezu fallen fürchtete, oder daß er sich nicht nach dem Wege zu erkun-digen wagte. Nach ungefähr dreimonatlichem Umherirren, nach über-standenen großen Schrecken und Leiden, kam er am 15. Juli nach Genfund stieg in dem Gasthause zur Rose ab. Er hatte schon mit derWirthin gesprochen und sie beauftragt, eine Barke zu besorgen, die ihnso bald als möglich auf den Weg nach Zürch brächte; aber der See
1) Es ist dieß der „'L'kosaurus animuo ekristi-iriae" welchen Servet unter demNamen Desidcruis Peregrinus zuerst in spanischer Sprache herausgab, und derdann in die lateinische, italienische, französische und flamändische Spracheübersetzt und sehr oft aufgelegt wurde.