Bolsec mußte reden; er stand nach dem Gottesdienste auf undsprach:
„Meister, ich halte diese Ansicht von der Gerechtigkeit Gottes fürfalsch und gefährlich: sie ging aus dem Gehirne Valle's hervor und istder Schrift, den Vätern und namentlich dem heiligen Augustin ent-gegen."
„Herr von Bolsec," sprach der Pastor, „meine Lehre ist reinbiblisch."
„Ihr verdreht die Schrift nach euerm Belieben," erwiederte Bol-sec; „wenn Gott nach Laune die Einen verdammt und die Andernselig macht, ist er ein Tyrann, und der Sünder kann leicht zu seinerEntschuldigung anführen: er sei nicht schuldig, sondern die phantastischeGottheit, die ihr euch gebildet habt."
Bei diesen Worten erhob sich über die Menschenmassen eine abge-magerte Gestalt, die ihre Augen im Saale herumwarf, sie dann aufBolsec heftete und ausrief: „Ich klage dich der Verleumdung undLüge an; die Lehre Saint-Andrö's ist die meine. Du behauptest, ichmache Gott zum Urheber der Sünde?"
Daraus trat ein Zuhörer zu Bolsec und sprach zu ihm: „Ihrseid arretirt!" — und Bolsec wurde in das Gesängniß geführt. Erhatte „Calvin beleidigt." —
Die Prädicanten versammelten sich und verfaßten gemeinschaftlichsiebzehn Artikel, über welche der Angeklagte ausgefragt werden sollte.
Diese Artikel waren ein Auszug aus der Lehre Calvin's von derVorausbestimmung, durch die er die Sklaverei des Menschen, in der ersich seit dem Falle Adams befindet, zum Dogma erhob, und eben soauch die Verwerfung eines Theils des Menschengeschlechtes, wie siedurch Gott selbst, ohne vorgängige Rücksicht auf die göttliche Vorher-sehung aller Verschuldung, bereitet sei; dann die Nothwendigkeit, zusündigen, die als ein Gesetz für eine große Anzahl im voraus vomErbe der Seligkeit ausgeschlossene Geschöpfe, auferlegt sei, wie auch dieNothwendigkeit, Gutes zu thun, die einigen Andern, welche ohne ihrVerdienst zur Seligkeit bestimmt sind, vorher bestimmt sei: Alles, wieman es in der „christlichen Unterweisung" las, und wie man es inGenf glauben mußte, wenn mau nicht aus der Schaar der Glückseligen,welche durch Calvin gegründet war, ausgeschlossen sein wollte.
Bolsec verwirft mit Kraft diese verzweiflungsvolle und abgeschmackteLehre, welche allen Vorstellungen widerspricht, die uns Gott von sichgegeben hat, und allen Erfahrungen unseres Denkens. Nach der Ansichtdes Philosophen kann wohl eine Ungleichheit in den göttlichen Gaben,