Perritt war aber ein Liebling des Volkes. Es bewunderte denMnth, die Freimüthigkeit, die Vaterlandsliebe und sogar die Schwä-chen des Generalcapitäns. Am Abende waren die Straßen voll vonArbeitern und Bürgern, welche Neues über den Gefangenen erfahrenwollten. Die Polizey wagte nicht, Gewalt anzuwenoen und die Ver-sammelten auseinander zu treiben, welche am Ende zu Drohungen ge-schritten wären. Der Name Calvin's wurde beschimpft. In denRaths--versammlungen wurde die Angelegenheit des Patrioten mit Eifer verhandelt.Im Rathe der Zweihundert schien Calvin die Majorität verloren zu ha-ben: er wollte sich auf das Volk berufen, um den Angeklagten zu richten.Wenn es im Rathe der Zweihundert einen einzigen herzhaften Manngegeben hätte, würve Genf seine Freiheiten wieder erlangt haben;aber Genf hatte Furcht: es wird ihm eine große Lection gelesen wer-den, in welcher der Reformator zeigen wird, wie man ein Volk zittern macht.
Der Rath der Zweihundert war versammelt. Nie war es stür-mischer zugegangen; die Parteien wurden des Redens müde, sie riefenzu den Waffen. Das Volk hatte den Aufruf gehört. Calvin kamallein an; er wurde mit mörderischem Geschrei empfangen. Er legteseine Hände in einander und sah die Aufwiegler mit festen Blicken an.
Keiner wagte ihn anzugreisen. Er warf sich mitten in die Haufen
und sprach mit entblößter Brust: „Wenn ihr Blut wollt, hier sind
noch einige Tropfen, stoßet zu!" Nicht ein Arm erhob sich. Da
ging Calvin langsam die Stiege der Zweihundert hinauf. Der Saal
sollte mit Blut befleckt werden. Die Schwerter blitzten. Beim Anblickdes Reformators sanken die Waffen und einige Worte reichten hin,die Empörung zu stillen. Calvin nahm einen der Räthe unter demArm, ging wieder die Stiege hinunter und rief dem Volke zu, daßer reden wolle. Er sprach im Eifer mit so großer Gewalt und Rüh-rung, daß Thränen flößen; man umarmte sich und die Menge gingstillschweigend auseinander. Die Patrioten hatten sich diesen Tag um-sonst bemüht. Auf diesen Vorfall war es leicht, zu weißsagen, daß demReformator der Sieg bleiben werde. Die Libertiner, welche sich sokühn gezeigt hatten, als es galt, die Wand einer katholischen Mauereinzuwerfen, einen Heiligen aus seiner Nische zu reisten, oder ein altes,hölzernes, durch die Zeit morsch gewordenes Kreuz umzuwersen, zit-terten wie Weiber vor diesem Menschen, der aber heute etwas wahr-haft Homerisches an sich hatte/)
1) Lpist. Vireto 17. 8eptemb. 1-547. — öretsrluietcier.