Grundsätze, die er bei seiner bürgerlichen oder religiösen Verwaltungum sich her verbreitet fand, nur in allgemeine Formeln gefaßt: sofragen wir, wie solche Lehren so lange Zeit vor allen Blicken ver-borgen bleiben konnten? Wenn sie vor der Reformation eristirten,so führe man uns auf ihre Spur, man zeige uns ihren Ursprung?Wenn sich unser Auge überzeugt haben wird, wollen wir anver- Fra-gen stellen. Warum hat denn der katholische Priester, den ihr unsso intollerant zeichnet, die Grundsätze nicht verfolgt, welche der socia-len Ordnung so feinvlich entgegentraten? Der katholische Priester istaber weder der Intoleranz, noch der Gefühllosigkeit schuldig. Wenndiese Speculationen auch nicht von Calvin erfunden wurden, so sindsie doch das Werk des resormatorischen Princips. Wenn Erasmusfür die Thorheiten Carlstadt's Luther zur Rede gestellt hat, habenwir das Recht, den Calvin für abenteuerliche Schwärmereienverantwortlich zu machen; mag man sie nun als ein unbedeutendes,im religiösen Leben des Genfer Volkes vorkommendes Erzeugniß be-trachten, welches der Reformator in ein System brachte, oder magman annehmen, daß sie sich als eine gegen die christliche Gemeinschaftgerichtete Empörung erweisen.
Wen wird man überreden können, daß Seelen, deren größtesVerbrechen darin bestand, daß sie nicht an die Unfehlbarkeit Calvin'sglaubten, einen Cerdo, Manes, oder Marcion spielen wollten; daßFrauen, welche hartnäckig darauf bestehen, Schuhe nach der BernerMode zu tragen, Thörinnen ihrer Leiber seien; daß ein Kindvon Genf, welches sich bei einem Mittagsmahle über die GestaltCalvin's lustig macht, ein Ketzer sei, welcher die Gütergemein-schaft predigt; daß die Kaufleute des Molards, welche den französi-schen Flüchtling so ernstlich hassen, Pantheisten seien; daß Handwerker,welche nicht einmal lesen können, an einen Gott glauben, der Mensch,Pflanze, Blume, Engel und Teufel ist?
Es ist möglich, daß die Libertiner die Ansicht vom freien Willenübertrieben haben; daß sie, durch Calvin's Gewaltthätigkeiten ge-zwungen, eine systematische Opposition gegen ihn bildeten; daß siedas demokratische und religiöse Princip übertrieben, um den Predigerund Tribunen zu stürzen. Wen wird man aber glauben machen, eineschwache Partei könne durch Ausgelassenheit und Heuchelei zur Ge-walt gelangen? Calvin, der in einem monarchisch regierten Landegeboren war, verstand das Genfer Volk nicht. Er hatte die schön-sten Jahre seines Lebens in Paris zugebracht, unter einer Regierung,deren feudale Formen einen praktischen Geist, wie der seine war,