Druckschrift 
Zweiter Band (1844)
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

zu werden. Nachdem die Revolution statt gefunden hatte, war dernationale Charakter derselbe geblieben. Man wechselte die natürlicheNeigung nicht wie seinen Glauben. Ihr dürft einem handeltreibendenVolke nicht die treue Aufopferung zutrauen, welche zum Marterthumeantreibt: wenn es sich bewaffnet, so-geschieht es beinahe immer nurmaterieller Interessen wegen, und wenn es zur Verläugnung seinesGlaubens einwilligt, so geschieht es nur, weil es im Abfall Gewinnsucht. Als der Genfer die Symbolik Farels annahm, wurde er seinerPersönlichkeit nicht untreu. Bor wie nach der Verbannung Calvinsfuhr er fort, seiner Gewohnheit gemäß zu leben. Er war einen Theildes Tages schlicht und ruhig, nämlich während der Geschäftsstunden;schwatzhaft und lärmend am Abende in der Schenke, dem gewöhnlichenZusammenkunftsorte des Bürgers. Diese halb nächtliche Lebensweise,den süßesten Theil des deutschen Lebens, findet man heute noch in denmeisten Zirkeln Deutschlands. Es ist nicht lange her, daß man inder Herberge zum Schwarzen Adler in Wittenberg noch den Tischzeigte, an welchem sich Martin so oft auf den Elbogen gestützt hatte,die Bänke auf denen er saß, und das Glas, das er mit schäumendemBiere aus Thorgau füllte. Tretet ein; es sind heute noch dieGäste, die man seit drei Jahrhunderten immer zu denselben Stundensicher wieder findet: Studenten, Juristen, Kaufleute; nur Theologenfinden sich weniger zahlreich ein. In seinen Berührungen mit demdeutschen Volke hatte Genf diesen Geschmack für die Schenke geerbt,der seit der Reformation noch lebhafter geworden war, zu der Zeit, inwelcher zahlreiche französische Auswanderer ihren Religionsgenoffen dietollen Freuden der gallischen Trinkstube, den leichtfertigen Schlendrian,den Dünkel und die Eitelkeit großer Städte gebracht hatte. Das Bierwar allmälig mit Wein und Liqueur vertauscht worden, und ver-deutsche Tanz, der so züchtig ist, wurde von dem französischen verdrängt,der oft bis zur Frechheit ausgelassen wird.

Als der Bischof Karl von Sepssel in Genf seinen Einzug hielt,empfieng ihn das Volk als einen wahren Kirchenfürsten unter dem Schalleder Hörner und Trompeten, und tanzte den Abend hindurch zum Zeichenseiner Freude. Ein Mönch bearbeitete zu Ehren des Bischofs ein histo-risches Drama, welches mit großem Erfolg aufgeführt wurde, und demVerfasser einen Gulden Belohnung trug.

Diese Neigung zum Wirthshausleben machte sich insbesondere beiden Libertinern bemerklich. Sie verband sich in ihnen mit einem sehr