freien Willen und die Vorausbestimnmng herum. Während sich so dieStadt im Leeren herumtreibt, bringt Rom auf den Ruf des PapstesMeisterwerke der Geschichte, der Exegese, der Sprachenkunde und derPhilosophie hervor. Wir täuschen uns: Genf macht Ansprüche darauf,daß es sich der allgemeinen Bewegung der Geister angeschlossen habe;und hier sollen die Namen einiger Diamanten aus seiner literarischenKrone genannt werden: die Theologen Tagaut, Perrot, La Faye; derPhilologe Portus; der lateinische Dichter Beaulieu; der PolygraphGoulard; der Humanist Sarazin.
Auch in Wittemberg hatte die Resormation, wie in Genf, denSinn des Volkes nicht begriffen, und alle materiellen Bilder desKultus verworfen; in Wittemberg hatte sie aber, nachdem sie einmalHerrin der katholischen Tempel geworden war, die Statuen wiederaufgerichtet, die Bilder wieder hergestellt, die Glasgemälde wiedereingesetzt, weil sie vielleicht fürchtete, sie könnte des Vandalismusbeschuldigt werden. In Genf übertünchte sie Calvin zu Gefallen dieMauern der Kathedrale, verkaufte die Statuen und verbrannte dieRahmen.
Calvin hatte nie einen Sinn für Kunst. In allen seinen Schrif-ten werdet ihr vergebens nach einem Lichtstrahle suchen. Eines Tagesmachte er wohl einen Versuch, lateinische Verse zu schreiben; aberwelche Verse! Er vermachte seine prosaischen Bestrebungen seinem Va-terlande. Welche herrlirbe Stelle würde Genf in der Literatur-Ge-schichte eingenommen haben, wenn es dem Katholicismus treu geblie-ben wäre! Mit jedem Tage des sechszehnten Jahrhunderts erhieltes neue Besuche von zahlreichen Italienern. Sollten diese südlichenGeister an den Usern des lemanischen See's den Kultus der Musennicht wecken? Kaum haben sie aber die Gestade des See's betreten,hören sie auf, ihre Lieder zu singen. Die theologische Lust, dieüberall weht, sogar im Innersten der Familien, erstickt in ihnen allegünstigen Keime, die sie von Rom oder Florenz mitbrachten. Es isteine unumgängliche Nothwendigkeit, daß sie sich an eine Disputationmachen. Das Doppelblut vermischte sich zu einem dicken und schwerenBlute, welches weder die Harmonien der musikalischen, noch diePhantasieen der idealen, noch die Wunder der materiellen Weltbeleben kann. Vor seinem Tode vermachte Calvin seinem Adoptiv-Daterlande die Sucht des Widerspruches, welchem sich die Flüchtlingeunterwerfen mußten. Einheimische und Fremde wandten ihren Geist
1) 8ent>öi«;r, Ikist. <!c>