321
Lebewohl zu sagen. Beza blieb bei Calvin, welcher von Zeit zuZeit die Augen zum Himmel emporhob und leise sprach: Oemobam8io>it columba.
Am 19. Map, am Pfingstvorabende, dem Tage, an welchem diePrediger nach der Sitte der Genfer Kirche zu einem gemeinschaftlichenMahle zusammen kamen, äußerte Calvin den Wunsch, daß diesesGelage wie gewöhnlich stattfinden sollte; aber dießmal in seiner Woh-nung. Man hatte einen Lehnstuhl hergcrichtet, in welchem Calvinsaß. „Meine Brüder," sprach er zu seinen Amtsgenossen, „ich seheeuch zum Letztenmale, und nur dießmal werde ich mich noch zuTische setzen." Dann öffnete er den Mund und lispelte einige Wortedes Gebetes. Bald darauf wollte er aber allein sein. „Man bringemich in meine Kammer," sprach er, „eine Wand wirv nicht verhindern,daß ich im Geiste mit euch verbunden sei."
Die Nacht war schlimm, die Luft, welche der Kranke schmerzlicheinathmete, entzündete die Brust, während Todeskälte die Füße, dierechte Seite und die Zunge ergriff und sich um das Auge legte, wel-ches so lange Zeit der Schrecken des Konsistoriums gewesen war: eswar dieß das letzte Organ, welches in Calvin erlosch. Am 27. ver-lor er das Bewußtsein und der Todeskampf begann: um acht UhrMorgens hatte er aufgehört zu leben. „An diesem Tage," sagt Beza,„verbarg sich die Sonne und das größte Licht, welches zum Segenfür die Kirche Gottes in der Welt war, wurde in den Himmel zurück-gezogen. In der folgenden Nacht, und auch am Tage, hörte manein großes Weinen in der Stadt: der Prophet des Herrn war nichtmehr."
Beza fügt hinzu: „Es kamen mehrere Fremde aus sehr entlegenenGegenden, welche ein neugieriges Verlangen trugen, ihn zu sehen,und obwohl er todt war, bestanden sie doch darauf...... Um
aber jeder Verleumdung vorzubeugen, wurde er gegen acht Uhram Morgen eingehüllt, dann um zwei Uhr Nachmittag, wie es gewöhn-lich geschah und er auch verordnet hatte, ohne Prunk und Aufsehen,in die allgemeine Begräbnißstätte gebracht, welche Pleinpalais heißt,wo er heute noch liegt, und den Tag der Auferstehung erwartet, dener uns gelehrt und für den er so standhaft gewirkt hat."
Die Verleumdung, von welcher Beza hier spricht, war einallgemeiner Lärm, den befremdende Erzählungen von den letzten Lebens-
t) Uslvin ,'inä lk>6 8>viss ret'orination, p. 39Ü.2) köre, Vie cte Calvin.
Audin: Leben Ealvin'S II- Bd.
21