weggeholt. Um sieben Uhr, als man sie anderswo hingetragen hatte,fing sie an, immer schwächer zu werden; da sie fühlte, daß ihr dieStimme schnell ausgehen würde, sprach sie: „Lasset uns Gott bitten,lasset uns beten, flehet Alle Gott für mich an." In diesem Augen-blicke trat ich wieder in das Haus ein; sie konnte nicht mehr sprechen,gab aber noch Zeichen der gottesfürchtigen Gefühle ihres Herzens.Nachdem ich einige Worte von der Gnade Jesu Christi, von der zu-künftigen Seligkeit, von unserm Zusammenleben und unserm Heim-gehen gesprochen — sammelte ich mich zum Gebete, welches sie wie diebelehrenden Worte mit vollem Bewußtsein aufmerksam anhörte. Voracht Uhr entschlief sie ruhig, so daß die um ihr Bett Stehenden denletzten Augenblick ihres Lebens kaum bemerken konnten. Obgleich ichsehr niedergcbeugt bin, so erfülle ich doch mit Fleiß alle Pflichtenmeines Amtes, und indessen hat mir Gott neue Kämpfe bereitet."^)
Dich ist eine Erzählung, an der kein Wort rührt; so mußtees kommen. Ach! wie viel ergreifender wäre diese Scene gewesen,wenn sie sich in dem Zimmer eines sterbenden Katholiken zugetragenhätte! Wir glauben an die Wirksamkeit des Gebetes, welches vonden Lippen des Priesters und der Anwesenden flicht, und zu Gott empor-fliegt, um Barmherzigkeit zu erflehen. Wenn aber das System Cal-vin's in Betreff der Vorherbestimmung wahr ist, wozu sollen danndiese Seufzer, Ergießungen und das Anrufen Jesu Christi nützen? Wenndas Wesen, welches stirbt, von Ewigkeit her bestimmt ist, bis an seinEnde unter dem Drucke einer eisernen Nothwendigkeit zu bleiben, diedasselbe zum Guten oder Bösen antreibt, ist es dann nichr von Ewigkeit herzum Lichte oder zur Finsterniß bestimmt, um durch seine Unsterblichkeitder Qualen oder der Glückseligkeit die Gerechtigkeit des Schöpfers zuverherrlichen? Ist dich nicht das unabänderliche Dogma Calvin's,welches er in seiner „Unterweisung" lehrte? Ja, gerade unter derHerrschaft dieser fatalistischen Vorstellung schrieb er von dem TodeJdelette's, bei welchem sein Auge für alle Thränen. sein Mund fürjeden Asdruck eines Schmerzes verschlossen war: der Unglückliche, dernicht weinen und nicht beten darf, wenn er seine eigene Lehre nichtverwerfen will!
Calvin blieb den Rest seiner Tage Wittwer. Er wollte seineGegner Lügen strafen, welche lächelnd aussprachen, die Reformationhabe einen zweiten trojanischen Krieg unternommen wegen eines Weibcr-
1) 11. .4pr. karello, 1349.Audi»: Leben Calvin'« Bd. ll.
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