Ergebenheit, oder wenn ihr wollt, Philosophie: ich wollte nicht sagenEigennutz.
Die Schrist des Gensers gleicht oft jener eines Stenographen;sie ist voll Abkürzungen, zu denen man erst den Schlüssel suchen muß,und die das Lesen sehr erschweren. Beim ersten Anblick glaubt maneines jener Zauberbücher des sechszehnten Jahrhunderts vor sich zuhaben, die man oft in den alten Studien eines Procurators findet.Wenn Tetzel so geschrieben hätte, würde sich Luther erzürnt, und gewißnicht ermangclthaben, dem Teufel ein solches Gekritzel zuzuschreiben. Calvinlachte übrigens selbst über seine Hierogliphen. Beza hatte einst einSchreiben Calvin's ohne Unterschift an die Frau von Coligni addressirt:der Reformator eilte, sich zu entschuldigen. — »Daß mein Briefohne meine Namensuntcrschrift an euch gesendet wurde, geschah nichtaus Geringschätzung oder Unart, sondern wegen all zu großer Eiledes Herrn von Beza, welcher ihn, als ich krank war, mir abnahm,und ihn schloß, ohne daß ich beachtete, ob der Brief die Namenöunter-schrift und das Datum trage. Ihr habt aber sehr schnell errathen,von wem er kam; denn meine Handschrift ist ohne alle Zierlichkeit.Ein ander Mal will ich besser dafür sorgen."')
Beinahe alle Briefe Calvin's sind gesiegelt. „Auf dem SiegelCalvin's befindet sich eine Hanv, die ein Herz hält."")
Wenn man den Briefwechsel Calvin's liest, fällt die Trockenheitder Theilnahme des Schreibers auf. Wenn ihr jedes Blatt des großenBuches seines innern Lebens durchgeht, werdet ihr nirgends einerAeußerung der Zärtlichkeit, einer Thräne des Mitleics, einer Aufwallungder Liebe begegnen. Wenn man auf Blätter kommt, auf denen man eineKlage erwartet, wie da, wo er den Tod seines erstgebornen Kindes erzählt,geschieht es mit wenigen Zeilen. In dem Briefwechsel Luther's begeg-net ihr jeden Augenblick dem alten Hans, dem Bergmann von Manns-felv, der seinen Sohn so innig liebte; der edelmüthigen Cotta, welchedem armen Kinde den Pfenning reichte; der kleinen Margaretha, demschönen Engel, den Gott so balv zu sich in sein Paradies nahm, undmit der Erinnerung an das Kind, an den Vater und den Freund, füllensich die Augen des Mönchs mit Thränen, es wird euch schwerwerden, nicht mit ihm zu weinen. Calvin hatte einen Vater, dem er dieAugen schloß. Er beschrieb diese erhabene Scene in einem Briefe an einenseiner Freunde, als er in einem Alter war, in welchem die Thränen
1) Oeneve, 5. sollt 1563.
2) Cslisse III. 113.