Zwanzigſter Abſchnitt.337also, ob ein Mensch, der zum Tode verdammt sey, wä-re es auch ungerechter Weise, ohne Verbrechen der Ge-rechtigkeit und den Gesetzen sich entziehen könne. So-krates hielt dafür, daß es ungerecht sey, und weigertesich daher edelmüthig das Gefängniß zu verlassen.Er verehrte die Gesetze seines Vaterlandes, und warentschlossen, ihnen in allen Stücken, selbst in seinemTode gehorsam zu seyn.Endlich kam das Schiff von Delos nach Athenzurük, und das ungerechte Urtheil war jezt zur Voll-ziehung gereift. Den folgenden Tag verfügten sichalle Freunde des Sokrates, den Plato ausgenommen,welcher krank war, früh Morgens ins Gefängniß, derKerkermeister bat sie, ein wenig zu warten, weil dieeilf Magistratspersonen, welche die Aufsicht über dieGefangenen hatten, jezt dem Verurtheilten ankündig-ten, daß er noch heute sterben sollte. Gleich nachhergiengen sie hinein, und fanden den Sokrates, dem maneben die Fesseln abgenommen, bei seiner Frau Xantip-pe sitzen, welche eins ihrer Kinder auf dem Arme hatte.Sobald sie die Freunde hereinkommen sah, erhub sieein großes Geschrei, riß sich die Haare aus, zerkraztesich das Gesicht, schluchzte und weinte, daß das ganzeGefängniß davon erschallte: O mein Sokrates! dakommen deine Freunde, dich zum leztenmale zu se-hen! — Er bat, daß man sie nach Hause bringen möch-te, welches dann sogleich geschah.Sokrates brachte den übrigen Theil des Tagesmit seinen Freunden zu, und unterredete sich mit ih-nen so heiter, wie bisher. Der Gegenstand ihrerUnterredung war von der größten Wichtigkeit, undden gegenwärtigen Umständen angemessen, denn er be-traf die Unsterblichkeit der Seele. Den Anlaß zu die-ser Unterredung gab eine Frage, die gleichsam vonunge-Y 2
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