Druckschrift 
1 (1821)
Entstehung
Seite
335
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Zwanzigster Abschnitt.335Sokrates brachte die lange Zeit zwischen seinerVerurtheilung und Hinrichtung in jener heiteren Stim-mung des Gemüthes hin, die ihm sein ganzes Lebenhindurch nicht verließ. Es war die Ruhe des Weisen,der den Tod nicht als ein Uebel, sondern als den Ue-bergang zu einem bessern Daseyn zu betrachten ge-wohnt war. Selbst der Kerker, und die Fesseln konn-ten diese Heiterkeit nicht stören; zugleich besuchten ihmseine Schüler und Freunde; wenn er allein war be-schäftigte er sich mit Hymnen auf dem Apoll, und derDiana; er brachte einige Fabeln Aesops in Verse, nichtum als Dichter Ruhm zu erwerben, sondern wie ersagte, auf Ermahnung seines Genius.Den Tag vorher oder den nämlichen Tag, wodas Schiff von Delos ankommen sollte, nach dessenRükkehr die Vollziehung der Todesstrafe bestimmt war,kam Kriton, sein vertrauter Freund, früh Morgenszu ihm, und kündigte ihm diese traurige Nachricht an;zu gleicher Zeit sagte er ihm, daß es nur auf ihn an-käme, das Gefängniß zu verlassen; der Kerkermeistersey gewonnen; er würde die Thüre offen finden, undman habe schon dafür gesorgt, daß er sicher nachThessalien entkommen könnte. Sokrates lachte überdiesen Antrag, und fragte ihn, ob er irgend einenOrt ausser Attika wüßte, wo man vor dem Tode sichersey? Kriton stellte ihm die Sache sehr ernstlich vor,und bat ihn auf das inständigste, sich diese Gelegen-heit zu Nutze zu machen, indem er Gründe auf Grün-de häufte, um ihm den Beifall abzunöthigen, und ihn zurFlucht zu bewegen.Ohne des untröstbaren Schmer-zens zu gedenken, sagte er, den ich über den Ver-plust eines solchen Freundes empfinden würde, wie könn-vte ich die Vorwürfe so vieler Menschen ertragen,vwelche glauben würden, es sey in meiner Macht ge-owesen, dich zu retten, ich hätte aber einen geringenTheil