334Geschichte der Griechen,Sokrates blos für schuldig; da er aber, in seiner Ant-wort, von ihrem Tribunal an den Richterstuhl der Ge-rechtigkeit und Nachwelt appellirte, da er, statt sich fürschuldig zu bekennen, auf Belohnungen und Ehren vondem Staate Anspruch machte, fanden die Richter sich sosehr beleidigt, daß sie ihn verdammten, den Schierlings-becher zu trinken, die damals gewöhnliche Art der To-desstrafe.Sokrates hörte dieses Todesurtheil mit äussersterGelassenheit an, und als Apollodorus, einer seiner Schü-ler, in bittere Schmähungen und Wehklagen ausbrach,daß sein Lehrer unschuldig sterben sollte, sagte Sokra-tes lächelnd zu ihm: „Wie? wolltest du dann, daß ich„schuldig stürbe? Melitus und Anytus können mich wohl„tödten, aber mir nichts zu Leide thun.Nach dem Urtheile behielt er noch immer den heiternund unerschrockenen Anblik, womit er so lange die Tugendgepredigt, und Tyrannen in Furcht gehalten hatte. Alser in sein Gefängniß trat, welches jezt der Wohnort derTugend und Redlichkeit wurde, folgten seine Freundeihm dahin nach, und besuchten ihn beständig die Zeitüber zwischen seiner Verurtheilung und seinem Tode,welche dreisig Tage dauerte. Die Ursache dieser Ver-zögerung war, daß die Priester des Apollo am Tage vorder Verurtheilung das heilige Schiff mit Kränzen be-hangen hatten, welches die jährlichen Geschenke zu demTempel des Gottes auf der Insel Delos zu überbrin-gen, und dort die gewöhnlichen Opfer zu vollziehenbestimmt war. Durch widrige Winde wurde diesesSchiff dreisig Tage lang aufgehalten. Es war inAthen Sitte, daß am Tage der Abfahrt dieses Schiffesbis zur Rükkehr kein Verurtheilter hingerichtet werdendurfte.So-
#