Zwanzigster Abschnitt.327mit Vergnügen, und gab ihr den größten Beifall; dasie aber mehr den Regeln der Redekunst, als den Ge-sinnungen und der männlichen Stärke eines Philoso-phen angemessen war, so sagte er ihm frei, daß sie sichfür ihn nicht schicke. Lysias fragte ihn, wie es mög-lich sey, daß sie so gut gerathen sey, und sich dochnicht für ihn schicken könne? Eben so, versezte Sokra-tes, indem er nach seiner gewöhnlichen Art ein Gleich-niß aus dem gemeinen Leben hernahm, als wenn eingeschikter Handwerksmann mir ein prächtiges Kleid,oder Schuhe mit Gold verbrämt bringen wollte; seineArbeit möchte vielleicht unverbesserlich seyn, aber fürmich würde sich dergleichen nicht schicken. Er bestandalso hartnäckig auf dem Entschlusse, sich nicht dadurchzu erniedrigen, daß er auf eine kriechende Art Stim-men für sich erbettelte, wie es damals allgemein ge-wöhnlich war. Er gebrauchte weder Kunstgriffe nochFlittergold der Beredsamkeit, nahm weder zu Bittennoch Schmeicheleien seine Zuflucht, brachte weder Fraunoch Kinder vor Gericht, um durch Gewinsel und Thrä-nen die Richter zu gewinnen. Allein wenn er sich wei-gerte, von keiner andern Stimme, als seiner eigenen,zu seiner Vertheidigung Gebrauch zu machen, und inder unterwürfigen Stellung eines demüthig Bittendenvor seinen Richtern zu erscheinen, so that er dies nichtaus Stolz oder Verachtung gegen das Gericht; es ge-schah aus einer edeln unerschrockenen Zuversicht, die ausGröße der Seele, und aus dem Bewußtseyn der Wahr-heit und Unschuld entsprang. Seine Vertheidigung hattenichts Furchtsames, nichts Schwaches; seine Rede warkühn, männlich, edelmüthig, ohne Leidenschaft, ohne Ge-muͤthsbewegung, voll der edeln Freiheit eines Philoso-phen, ohne allem andern Schmuk als Wahrheit, unddurchaus mit dem Charakter und der Sprache der Un-schuld belebt. Plato, welcher zugegen war, schrieb sienach, und machte daraus ohne einigen Zusaz seine Apo-logi=
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