91Zehnter Abschnitt.nicht das hohe Gefühl, das den für seine Selbststän-digkeit und für die Freiheit ſeines Vaterlandes käm-pfenden Bürger bis zur Begeiſterung ſtimmt; ſie ge-horchten widerwillig dem Treiber, der sie mit Peit-schenhieben auf das Schlachtfeld jagte; Belohnungenkonnte nur der Befehlshaber zu erhalten hoffen, derunter den Augen des Despoten Proben einer ungere-gelten Tapferkeit ablegte; die Griechen kannten denBefehl des großen Königs, sie in Fesseln vor seinenThron zu führen; sie kannten das Schiksal der Ere-trier; nur durch den Sieg konnten sie ihre und ihrerAngehörigen Freiheit retten; ehrenvoller Tod für ihrVaterland war das höchste Ziel ihrer Wünsche, undSklaverey allein fürchterlicher als der Tod. Dieswaren die Gesinnungen des athenischen Heeres.Die Anführer traten zur Berathung zusammen.Einige stimmten für den Vertheidigungskrieg; Miltia-des, der dadurch den Muth des Heeres zu schwächenbesorgte, bat den Polemarchen Kallimachus dringend,das Vaterland durch eine Schlacht zu retten. DieStimme dieses Feldherrn war entscheidend, und derAngriff wurde beschlossen. Unter den Anführern derAthener war auch Aristides, einer der größten Männer,deren die Geschichte erwähnt, und der hier den erstenBeweis seiner rühmlichen Denkart ablegte. Wir ha-ben bereits erzählt, daß der Oberbefehl unter denzehn Feldherren mit jedem Tage wechselte. Aristidessah ein, daß diese Maasregel den Unternehmungen desHeeres ungünstig war; als nun der Tag kam, an demer den Oberbefehl erhielt, trat er denselben großmü-thig dem erprobten Muthe und der Erfahrung desMiltiades ab. Diesem Beispiel folgten die übrigenFeldherren, sie opferten rühmlich ihren persönlichenVortheil und ihren Ehrgeiz dem Ruhm des Vaterlan-des auf. Miltiades erwartete jedoch den Tag, anwel-
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