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2 (1808) F - Z
Entstehung
Seite
232
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denk

Lzr Sens

standen. Dabei finden nun aber zwei Fälle Statt. Ent-weder steht die Empfindsamkeit, in dieser engern Bedeu-tung genommen, mit der Ausbildung und Stärke allerübrigen Kräfte des Menschen, besonders der Vernunftund der Körperkraft, in richtigem Ebenmaße; oder nicht.Im ersten Falle ist sie eine schöne, würdige und beseli-gende Eigenschaft, die, so lange das erwähnte Eben-maß unverrückt erhalten wird, nie zu sehr angebauetwerden und nie zu stark wirken kann. Im zweiten Fallehingegen, wo die Empfindsamkeit über die andern Kräf-te des Menschen, besonders über seine Vernunft undüber das Maß seiner Körperkräfte ungebührlich hervor-!ragt, ist sie eins der verderblichsten Geschenke, welcheAbschlcifung und Verfeinerung den gebildeten Menschenunsers Zeitalters verliehen haben, verderblich sowol fürie Glückseligkeit der damit behafteten Personen, alsuch für das Wohl der Gesellschaft; weil sie in diesemFalle schwache, unsichere, bald überspannte, bald wiedererschlaffte, und zu den gewöhnlichen Geschäften des Le-bens mehr odor weniger unbrauchbare Menschen macht.

Man pflegt beide Arten von Empfänglichkeit, sowoljene, welche vcrhältnißmäßig geblieben ist, als auch die-se, welche das Gleichgewicht der Kräfte stört, Empfind-samkeit zu nennen, so daß man jedesmahl nur aus demZusammenhange oder aus der Miene des Redenden schlie-ßen kann, ob mit Beifall, oder mit Tadel davon gespro-chen wird. Weil aber dadurch leicht Mißverständnisseentstehen können: so wäre zu wünschen, daß man sichdahin vereinigte, diese Benennung nur der ersten Artbeizulegen; die andere hingegen, in Ermangelung eineseigenen Wortes, durch ein Beiwort, z. B. durch über-spannte Empfindsamkeit zu bezeichnen.

Empfindlichkeit druckt einen ungebührlich hohen Gradder Empfänglichkeit sowol für körperlichen Schmerz,als auch für leicht zu reizenden Unwillen und Zorn aus.

Empfindet« endlich ist Empfindsamkeit, die sich aufeine vernunftlose, abgeschmackte, kleinliche oder lächer-liche Weise äußert.

Nun fehlt uns aber noch ein Wort für die bloßscheinbare, gesuchte und geheuchelte Empfindsamkeit, dieim Grunde keine Empfindsamkeit ist, sondern nur in ei-ner Nachäffung ihrer Aeußerungen besteht. Hier kannuns unsere Endsilbe lich, welche auf Aehnlichkeiten deu-tet, zu Statten kommen, um das Wort Empfindsam-lichkeit dafür zu bilden. Das Erkünstelte dieser Zusam-mensetzung mit drei Endsilben, sam, lich, keit, undder Umstand, daß die Silbe lich ihm gleichsam etwasglattes zu geben scheint, passen sich sehr gut für einenAusdruck, der die Absicht hat, den Nebenbegriff desErheuchelten mitzubezeichnen. Sonst könnte man auch,wenn man wollte, ebendenselben Begriff mit Empfind-samclci bezeichnen.

Die beiden Sachwörter (substantiva), Empfinde-lei und Empfindsamlichkcit, gewähren zugleich den Vor-

Sens

theil, daß sich Zeitwörter davon ableiten lassen, welcheeben dieselben Ncbenbegriffe mit sich führen, die jenenankleben; nämlich empfindsameln, für, Empfindsamkeitheucheln, oder, sich empfindsam stellen, ohne es zusein;und cmpfindeln, für, Empfindsamkeit auf eine alber-ne, lächerliche und vernunftlose Weise äußern.

Jetzt noch ein Wort über jeden der obigen fremdenAusdrücke insonderheit:

Sensation ist also i. sinnliche Empfindung und Ge-fühl., Es wird aber auch 2. in der gemeinen Deutsch-Französischen Sprech-art für Aufsehen, Bewegung, Ge-räusch und Gahrung genommen. So sagt man z. B.von einer Schrift: sie habe viel Sensation gemacht,und von einem unruhigen Volke, es werde große Sen-sation unter demselben wahrgenommen.

Sensibilität, die Empfindlichkeit. S. Sensation.

Sensible (fpr. fangßibl), empfindlich. Man sagt auch,aber unrichtig , fühlbar dafür; z. B. ein fühlbares Herzhaben. Allein dieses Wort bedeutet, der allgemeinstenAehnlichkcitsregel zufolge, nicht was fühlt, sondern wasgefühlt wird. Gefühlvoll sagt oft zu viel. Withoffhatgefühlig von Gefühl abgeleitet, so wie wir verstän-dig von Verstand, vernünftig von Vernunft haben:Gefühlig gleich den Engeln.

Schotte! sagt, mit Wegwerfung der Vorsilbe ge, füh-lig und unfühlig; welches aber nicht zu billigen ist.

Sensificiren. Ich erinnere mich nicht, dieses Zwitter-wort sonst irgendwo, als bei Kan t'c n gefunden zu ha--ben, und vermuthe daher, daß es, gleich mehren, vonihm selbst erst gebildet sei. Er hätte füglich für sinnlichhalten, für sinnlich ausgeben oder auf einen sinnlichenUrsprung zurückführen dafür sagen können.Locke,sagt er, sensificirte die Begriffe," d. i. er lich ihnen sinn-lichen Ursprung; er suchte oder fand ihren Ursprung inden Sinnen.

Sensualität, die Sinnlichkeit, d. i. die Neigung zu sinn-lichen Genüssen. Kant versteht auch das sinnliche An-schauungsvermögen darunter.

Seusunlpbilosopben, nennt Kantdiejenigen, welche(gleich dem Epicur) behaupten, in den Gegenständender Sinnlichkeit allein sei Wirklichkeit; alles übrige seiEinbildung." Wir können Verfechter der Sinnlichkeitoder Sinnlichkeitsverfechter dafür sagen.

Sensuel, sinnlich, wollüstig.

Sensus communis , der gemeine Menschenverstand.Seneca und andere Alte verstehen den Gemeinsinndarunter, d. i. den Eifer für's gemeine Beste.

Sententionantes, die Urthelsverfafser.

Sententiös , spruchreich, spruchmaßig, z. B. eine solcheSchreib-art.

Sentenz; 1. in Allgemeinen, der Aussprnch; 2. einmerkwürdiger Ausspruch, ein kurzgefaßter wichtiger Ge-danke, wofür wir den Deutschen, nur etwas veralte-ten