Die Römer in der Zeit der Umwälzungen und der Bürgerkriege. 529
Juden mußten jetzt Vieles ertragen, was sie in ihren nationalen undreligiösen Gefühlen tief verletzte und noch der sechste der Procuratoren,Pontius Pilatus, der im Jahre 27 nach Chr. Geb. seine Verwaltungantrat, hatte Ausbrüche gereizter Unzufriedenheit mit Waffengewalt zudämpfen. In glücklicherer Lage befanden sich die Juden, die in derFremde wohnten. Hier, wo man nicht, wie in der Heimath, anihren religiösen Einrichtungen Hindernisse ihrer Beherrschung fand,machte man keine Angriffe ihre Eigenthümlichkeit zu vernichten. Solebten sie, von der religiös völlig gleichgültigen Welt geduldet, im Hin-blick auf die heilige Stadt Jerusalem und in ungestörter Uebung ihrerReligion.
42. Es war eine Zeit gekommen, wo das Judenthum durch dasletzte und mächtigste der Westasien beherrschenden Völker mehr als jevorher in seinem Bestehen gefährdet war. Es war aber auch die Zeit,wo das Judenthum seinen Beruf erfüllt hatte. In den Tagen desersten Herodes trat der menschgewordene Sohn Gottes in die Welt undin den Tagen des Pontius Pilatus starb er für die Menschheit denVersöhnungstod am Kreuze. Hiermit beginnt das zweite Zeitalter derWelt, wie mit einer neuen Schöpfung. Zu der Erkenntniß Gottes,den die Weisen vergebens gesucht hatten, war der Weg gezeigt und dieHerrschaft der Sünde und des Todes,^ unter welcher die Menschheit ge-seufzt hatte, war gebrochen. Waren bisher die größten Geister mit demAufwande aller ihrer Kraft nur bis zur Erkenntniß der Unzulänglichkeitaller menschlichen Weisheit gelangt, so ward es jetzt die Aufgabe fürdie größten Geister, die Folgen des Ereignisses zu erkennen und dieVerbreitung, Durchdringung und Anwendung der vom Himmel gebrach-ten Lehre zu vermitteln. Wie durch den Erlöser sich alles Gute, dasvorher da gewesen, vollendete, so ward seine Lehre nun der Maßstab,woran aller Werth gemessen werden mußte, die Befolgung seiner Lehredas höchste, das einzige menschliche Ziel. Der neue Grund für dasmenschliche Leben war aber für alle Zeiten gelegt, da die geoffenbarteWahrheit als das allem Wechsel der Erscheinung zu Grunde Liegendein keinerlei Abhängigkeit von irgend welchen Verhältnissen stehen kann.Christus ist daher der Mittelpunkt aller Zeiten, der Endpunkt für dievorangegangene, der Anfangspunkt für die folgende Zeit. An dem, wasaus der vergangenen Zeit noch Dauer und Bestand behält, hat dieGeschichte daher nur zu sehen, wie es entweder von der sich über dieWelt verbreitenden Lehre noch nicht überwunden ist oder wie es imDienste der Wahrheit sich verklärt. Was aber sich neu gestaltet, hatseine Bedeutung nach Maßgabe des Verhältnisses, in welchem es zudem nunmehr beginnenden Geschäfte der Verbreitung des ReichesGottes auf Erden steht. Dieses Geschäft wurde Sache der sichtbaren
Kiesel, Weltgeschichte. I. ZH