524 Die Römer in der Zeit der Umwälzungen und der Bürgerkriege.
38. So hat sich der Kreis, innerhalb dessen sich Folgenreiches be-gibt, immer mehr verengt, bis die frevelhafteste Willkühr und Selbst-sucht einer einzelnen Person als alleiniger Stoff der geschichtlichen Er-zählung übrig zu bleiben scheint. Von Anbeginn war in dem ganzenGebiete, in welchem sich die Geschichte der vorchristlichen Zeit bewegt,durch die Sklaverei ein großer Theil der Menschen von dem Antheilan den Begebenheiten, sowohl von der Mitwirkung bei denselben, alsvon dem Genuß ihrer Ergebnisse, ausgeschlossen. Für die römische Ge-schichte findet in demselben Maße, wie sie Geschichte der Welt wird,ein ferneres Ausschließen statt. Denn, wenn auch eine Zeitlang dasVerhältniß älterer und neuerer Bestandtheile des römischen Staateseinen Gegenstand der Geschichte bildet, so tritt doch auch ein Zeitpunktein, wo die neu hinzutretenden Bestandtheile, zu einer bloßen Masseherabgesunken, von der kleinen, das Reich beherrschenden Bürger-schaft Noms zu eignem Vortheile ausgebeutet werden. Indem nunaber auch innerhalb dieser Bürgerschaft jeder aus Verfolgung verschie-dener Zwecke hervorgehende und Leben weckende Gegensatz verschwindet,in dem Jmperatorenthum aber die früher schon sichtbar gewordene Ent-artung sich steigert und sich mit der rohen Gewalt bewaffnet, trittfür die römische Welt ein Zustand ein, wie jener, der in Syrien undAegypten geherrscht hat. Der Hof ist der Schauplatz der Geschichte,und auf diesem Schauplatze begibt sich nur Verabscheuungswürdiges intraurig einförmiger Folge. Wechsel der Herrscher oder derjenigen, vonwelchen sie beherrscht werden, sind Ereignisse, von denen die Weltmeist vergebens eine Besserung ihres Zustandes hofft. Die geistigenKräfte werden von dem öffentlichen Leben abgestoßen und haben dieWahl zwischen der Trauer über die allgemeine Verödung und der Ab-findung mit der Welt auf dem Wege des Genusses. Thätige Kräfte,einer früheren Zeit würdig, finden sich zumeist in den Heeren, wo imKampfe gegen feindliche Völker noch Antriebe für die Ehre und Schutzgegen Erschlaffung gegeben sind.
39. Mußte sonach das Land, welches das Herz des Reiches bildensollte, für die Provinzen im Ganzen, soweit es auf inneres Leben an-kam, werthlos sein, so war doch zwischen den östlichen und westlichenProvinzen ein Unterschied zu Gunsten der westlichen. In den östlichenLändern hatte das Leben der Menschen seine Bahn längst durchlaufenund die hauptsächlichste Wechselwirkung zwischen ihnen und Rom wardas Ergebniß ihres Reichthums und ihres aus alter Zeit herabgeerbten,aber allmälig unfruchtbar gewordenen geistigen Besitzes. In beiderleiRücksicht waren sie es, die an Rom abzugeben hatten. Die westlichendagegen konnten sich zu demselben in höherem Grade empfangend ver-halten. Die Bemühungen Roms, durch Mittel der Civilisation sich den