Die Römer in der Zeit der Umwälzungen und der Bürgerkriege. 523
hatte. Zugleich hatte aber der syrische Statthalter Piso Auftrag, ihmhemmend entgegenzutreten. Es entwickelte sich ein heftiger Zwist undGermanicus starb im Jahre 19 zu Antiochia in der Meinung, daß erdurch Piso vergiftet sei. So wirkte zur Vollendung des allgemeinenUnglücks mit, daß der Beste unter den Männern der herrschenden Familiedem Reiche entrissen wurde. Die Herrschaft aber bildete sich durch ihrenjetzigen Inhaber entschieden zur Despotie aus. Die Abschaffung derWahlen und die Uebertragung der Ernennungen an den Senat entferntedie letzte Erinnerung au vergangene Zustände und machte bei der Ohn-macht, in welcher sich der Senat befand, Alles von dem Willen desHerrschers abhängig. Wie sehr die eine Person ohne Rücksicht auf ir-gend eine Schranke die bewegende Kraft im Staatsleben bildete, wiejede Rücksicht, die früher auf den Staat zu nehmen gewesen war, sichauf sie übertrug, zeigte die Einführung der Majestätsverbrechen, unterwelchen man einstens Angriffe auf die Sicherheit des Staates verstan-den hatte, zu welchen man aber jetzt in der allerunbestimmtesten Weisejede dem Herrscher ungünstige oder mißliebige Handlung oder Aeuße-rung zählte. Aus ihnen erwuchs schlechten Menschen ein Erwerb, in-dem aus Hoffnung auf die Belohnung die geringfügigsten Dinge, sofernsich ihnen irgend eine gegen die Person des Herrschers gerichtete Ab-sicht andichten ließ, zur Anzeige gebracht wurden. Nur von einer Machtkonnte sich Tiberius nicht befreien, er gab ihr vielmehr, da er durch siedie eigne Sicherheit zu fördern gedachte, eine größere Stärke. SchonAugustuö hatte eine Truppenschaar, die Prätorianer, für den Dienst inseiner Nähe gebildet, zur Aufrechthaltung der Ordnung in der Stadtund zum Schutze seiner Person. Diese bisher in der Stadt vertheilteSchaar zog Tiberius an einer Stelle in einem befestigten Standlagerzusammen. Von dem Befehlshaber derselben, Sejanus, der sein einzi-ger Vertrauter war, ließ er sich leiten und dieser benutzte, um destoselbstständiger handeln zu können, seinen Einfluß dazu, den Tiberius ausRom zu entfernen. In seinem finstern Gemüthe von Schreckbilderngeängstigt, ließ sich der Tyrann leicht überreden, einen fernen, einsamenAufenthalt zu suchen, wo er sich durch schändliche Lüste betäuben undden Staat durch Befehle an den Senat regieren könne. Hierzu wählteer die im Meerbusen von Neapel gelegene Insel Capreä, die er nichtmehr verließ. Während er dort lebte, übte Sejanus in Nom eine ty-rannische Gewalt im vollsten Maße und erst die bei Tiberius aufgestiegeneBesorgniß wegen eigner Sicherheit machte seinem Wüthen ein Ende. Einneuer Befehlshaber der Prätorianer ward ernannt und Sejanus auf einenan den Senat gerichteten Befehl verhaftet, verurtheilt und hingerichtet. Ti-berius aber wüthete seitdem mit eigentlichem Blutdurste, da ihm der Anblickvon Hinrichtungen und Qualen ein Ergötzungsmittel geworden war.