Druckschrift 
1 (1855) Die vorchristliche Zeit
Entstehung
Seite
321
Einzelbild herunterladen
 

Das ägyptische Reich unter den ersten Ptolemäern-

321

die bei monarchischer Negierung über so große Länder in's Ungeheuregesteigerte Kraft, die Mittel zu einem Zwecke zu vereinigen, hattenschon auf diese Bahn geführt. Indem der griechische Geist mit kosmo-politischem Bemühen lebhaft sich in eine äußerliche zu Besitz und Genußführende Thätigkcit stürzte, begann die ihm eigene Spannkraft auch imKampfe mit den Kräften der Natur Erstaunenswerthes zu leisten. Diegroßen Fortschritte, welche die Belagerungskunst seit der Belagerungvon Perinthus gemacht hatte, gehören dieser Richtung der Geistesthätig-keit an, die Ausdehnung des Handels brachte eine Vervollkommnungder Schiffahrt mit sich, die Bauten der Könige weckten das Nachdenkenüber die Mittel zur Bewegung der Massen, die neu aufgeschlossenenLänder lieferten der Beobachtung und der Wißbegierde neue Gegenstände.Ein in solcher Weise erzeugter Eifer traf zusammen mit einem bereitsim Geiste der Denker erwachten Verlangen, den bisherigen Gesichtskreiszu erweitern. Aristoteles hatte, ein Alexander der Wissenschaft, für einneues Gebäude menschlicher Erkenntniß die breite Grundlage ausge-dehnter Beobachtung und Erfahrung zu gewinnen gesucht. Ein Ergeb-nis des Zusammentreffens dieser beiden Richtungen war die Erhebungjener beiden sich ergänzenden Wissenschaften über den bisherigen Stand-punkt. Schon unter dem ersten Ptolemäus widmete Euklides der Geo-metrie eine Behandlung, wodurch er für lange Zeiten Lehrer undMuster blieb. Eratosthenes, der bei seinen über alle Felder des Wissensverbreiteten Kenntnissen zuerst den Namen eines Philologen geführthaben soll, erhob durch Verbindung zahlreicher Beobachtungen die Geo-graphie und die Astronomie zu Wissenschaften. Archimedes aus Syra-kus, ein Zögling der alerandrinischen Gelehrsamkeit, bildete auf mathe-matischem Wege die Statik und Mechanik aus. Dieser Entwicklung zurSeite gingen Fortschritte in dem inductiven Theile der Naturwissenschaf-ten. Wie schon Alexander dem Aristoteles aus Asien Naturmerkwürdig-keiten zugesandt hatte, sorgten die Ptolemäer zu Alexandrien für Auf-häufung von Gegenständen, an deren Untersuchung sich die Kenntnißder Natur erweitern konnte. Damit gewannen die von Aristoteles be-gonnenen und seinem Schüler Theophrastus fortgesetzten Forschungenüber die Natur festeren Boden und weitere Ausdehnung und die ärzt-liche Kunst, die unter der alten Priesterschaft Aegyptens heimisch gewesen,erhob sich in dem neuen Aegypten zu höherer Stufe, indem sie, von Er-kcnntniß der Körpertheile und ihrer Verrichtungen ausgehend, sich fortanmit sicherer» Schritten vorwärts bewegen konnte.

7. Eine Wissenschaft, deren Bearbeitung außerhalb des Kreisesalexandrinischer Gelehrsamkeit liegt, ist die Geschichte. Es ist aber auchdiese Thatsache eine nach den Verhältnissen ganz naturgemäße. DieGeschichte war überhaupt als eigentliche Wissenschaft noch nicht betrie-

Kiesel, Weltgeschichte, I. 21