Druckschrift 
5 (1830)
Entstehung
Seite
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90 Historie vom Leben und Geschichten Dr. Martin Luthers,

der Sünden aus lauter Gnade und umsonst, die Gerechtigkeitdes Glaubens, den Gebrauch der Sacramente, die Lehre vonden äußerlichen Dingen, so uns frei stehen; da halt er's wahr-lich öffentlich mit uns. Und wiewohl er an einem Orte dunkelerund schwerer zu verstehen ist, als an einem andern, so kann dochein Jeglicher, der seine Bücher ohne Betrug und mit rechtemVerstände lesen will, leicht erkennen, daß er unsrer Meinung ist.Denn daß unsre Widersacher zu Zeiten etliche seiner Sprüchewider uns führen, und mit großem Geschrei sich auf die Vaterberufen, das thun sie nicht, daß sie der Wahrheit oder der altenLehre so geneigt sein, sondern wollen also aus arger List ihreGräuel und Aberglauben beschönen mit der alten Väter Schriften !und Zeugnissen, die doch von solcher Abgötterei dieser letzten Zeit jnoch Nichts gewußt haben. Wiewohl dabei auch wahr ist, daßzu der Väter Zeiten allerlei Aberglauben angefangen; daher auchSt. Augustinus etliche Lehren von den Gelübden gesetzt hat; re-det aber doch glimpflicher davon, denn die Andern.

Denn es pflegt gemeiniglich auch Frommen und GutherzigenEtwas anzuhangcn von den gewöhnlichen Mißbräuchen ihrer Zeit. jUnd wie ein Jeder sein Vaterland lieb hat, also läßt er sich auch !seiner Zeit Gebräuche und Sitten wohl gefallen, in welchen ererzogen ist, wie der heidnische Poet Euripides recht und wahrgesagt hat:

Was aufcrwachsen ist mit ein'm,

Das ist ihm lieblich und geheim.

Aber dem sei wie ihm wolle, so wäre dock) zu wünschen, daßalle diejenigen, so vorgeben, sie wollen des h. Augustini Mei-nung folgen, den Verstand und Sinn hielten, den er durchausin seinen Schriften behält, und nehmen nicht nur halbe Sprücheoder Stücke aus seiner Lehre, und verkehrten die nicht fälschlich ^ihrem eignen Sinn und Gutdünken nach. In Summa, St.Augustinus Bücher haben in der christlichen Kirche wieder einLicht angezündet, und sind den Nachkommen sehr nützlich gewesen.Denn darnach haben Prosper, Mariminus, Hugo, und Anderedergleichen, durch welche die Lehre getrieben und regiert wordenist, bis auf St. Bernhards Zeit, fast dem heiligen Augustino !nachgefolgt. !

Da aber daneben die Bischöfe an Gewalt und Reichthumzugcnommen haben, ist es wieder gegangen, wie bei den altentyrannischen Riesen, die man Gigantes nennet, nämlich, daß un-gelehrte und verruchte Leute über die Kirche gesetzt worden sind,