Rede über der Leiche des Ehrwürdigen HerrnDr. Martin Luthers,
am 22. Februar 1546 *).
Wäiewohl ich in diesem unserm und aller frommen Herzen undder Kirche Christi gemeinem Leide und Trauren vor eigner Be-trüblich schwerlich reden kann; jedoch weil ich in dieser christlichenVersammlung Etwas sagen soll, will ich nicht, wie der HeidenGebrauch gewesen, allein des Verstorbenen Lob preisen, sonderndiese ehrliche Versammlung erinnern und vermahnen von der ho-hen, wunderbaren göttlichen Regierung Seiner Kirche und vonmancherlei Fährlichkcit, damit sie allezeit zu kämpfen hat, aufdaß christliche Herzen desto fleißiger solches betrachten und beden-ken, womit sie sich vornehmlich bekümmern, wocnach sie stetstrachten, und was sie zum Höchsten von Gott begehren sollen;item, was sic für Erempel sich sollen vor Augen stellen, denensie folgen und darnach sie ihr ganzes Leben richten sollen. Dennobwohl die gottlosen Weltherzcn, so Gottes Wort und christlicheReligion für Nichts achten, dafür halten, cs gehe in solcher viel-fältigen vorsallcnden Unordnung und Zerrüttung des menschlichenLebens und aller Regiments Alles also ungefähr und ohne gött-liche Regierung, so sollen doch wir, so Christen sind, durch soviele und mancherlei klare und öffentliche göttliche Zeugnisse unsstärken, und die Kirche Gottes weit unterscheiden und absondernvon dem andern gottlosen Haufen, und gewißlich schließen, daßGott Seine Kirche durch Seinen göttlichen wunderbaren Rathund Kraft regiere und erhalte, und derselben Kirche Regierungrecht lernen ansehen und verstehen, und rechtschaffene, von Gottgegebene Lehrer mit Dankbarkeit erkennen und betrachten, wie siedie Zeit ihrer Lehre und Lebens von Gott regieret sind, und un-
') Verdeutscht aus dem Latein durch Dr. Kaspar Crcuzigcr.