Rede gegen die ModesuchL in der Kleidung,
gehalten 1536.
Ä^enn es auch Euch, meine werthesten Zuhörer, ohne Zweifelsehr wunderbar scheinen mag, daß ich gewagt habe, diesen Red-nerstuhl der gelehrtesten Männer zu besteigen und eine so schwie-rige Aufgabe zu übernehmen, so zweifele ich doch nicht, daß Ihr, daIhr ja den Gebrauch unsrer Hochschule kennt, wie Ihr Allen, diehier als Redner austraten, habt Nachsicht und Schonung ange-deihen lassen, auch mich schonend und freundlich anhören wollet.Aber nicht um über den trojanischen Krieg, oder ein ähnliches,bekanntes, geschichtliches Thema zu sprechen, bin ich ausgetreten,sondern weil keine andere Eigenschaft Jünglinge so sehr ziert, alsdie Bescheidenheit, Hab' ich mir vorgenommcn, über einen beson-der» Theil derselben zu sprechen. Und diesen Stoff gerade ergriffich um so lieber, um, wenn ich auch nicht Ansprüche auf denRuhm der Beredsamkeit mir hier erwerben möchte, doch wenig-stens, wie jener Kitharist sagt, mir selbst indcß Etwas voczusin-gcn, und mir selbst das Streben nach jener Tugend zu empfehlen.Ich habe aber meine Rede gegen die Sucht nach dem Neuenund nach andern Thorheitcn in der Kleidertcacht gerichtet, wel-cher Fehler, wiewohl er mehr, als man meint, verderblich, den-noch so allgemein ist, so sehr die jugendlichen Gemüthcr ergriffenhat, daß er weder durch obrigkeitliche Gesetze, noch durch Redengelehrter Männer sich bessern läßt. Denn wie oft sind in unse-rer Zeit in dieser Beziehung Gesetze gegeben worden! Wie vielegroße Männer führen darüber täglich Klage! Aber so gewaltigist dieses Nebel, daß es weder unterdrückt, noch geheilt werdenkann. Täglich werden neue Moden ersonnen. Heute gefallt einfranzösischer Hut, morgen ein spanisches Barret; Andere gefallensich in polnischen Aermeln, und wie verschieden werden diese wie-der gestaltet! Ein ganzes Kleidungsstück gilt gar nicht als schick-