226
Rede über de» Kaiser
sie macht darauf aufmerksam, wie ungemein verderblich für dieStaaten der Ehrgeiz der kirchlichen Oberhäupter ist; welch' einegroße Tugend es ist, Beleidigungen zu verzeihen, und zu Gun-sten des Gemeinwesens sie ungeahndet zu lassen; außerdem, durchwelche Beispiele die päpstliche Tyrannei gewachsen ist. Doch ichwill nicht dieß Alles verfolgen. Nur möchte sich Mancher dar-über wundern, wie der so gewaltige Geist Friedrichs habe sogebrochen werden können, daß er, obgleich er die gute Sache ge-habt, nicht nur sich gedemüthigt, sondern in seiner Demüthi-gung noch obendrein eine so große Beschimpfung sich habe an-thun lassen? Denn bis jetzt war er doch Sieger gewesen, undbehauptete den großen Theil Italiens. Auch war die MachtVenedigs dazumal keineswegs so groß, wie in unserer Zeit, undsie sind nicht einmal jetzt unfern Fürsten gewachsen. Ueberdicßverzweifelte Friedrich, wenn auch seine Feldherren in einemoder dem andern Treffen geschlagen worden waren, da er selbstdoch ein erfahrner, glücklicher Kaiser und kampflustig war, dar-um noch keineswegs an einem glücklichen Ausgange. Nach mei-nem Urthcil wurde er, da ihm ohnehin öffentliche und allgemeineUrsachen zum Frieden riechen, und er eine feste Eintracht in Eu-ropa zu begründen wünschte, durch Ehrfurcht vor dem Apostelund durch religiöse Triebfedern bewogen, daß er sich nicht wei-gerte, diese Demüthigung zu übernehmen. Ec hatte gehört, daßauch Theodosius in früherer Zeit den Ambrosius um Erlaßwegen eines Vergehens *) gebeten hatte. Die Religion aber hat,wie bei allen guten Männern überhaupt, so vornehmlich bei denDeutschen, großen Einfluß, und bei den Letztem bezeugen vieleBeispiele, daß sie der Religion mit großer Standhaftigkeit nichtallein Leben und Eigenthum, sondern auch Ehre und Ansehennachsetzen. Daher veclaugnete er nicht, durch Furcht, oder durchinnere Schwache gebrochen, sondern durch religiöse Rücksichten,welche bei allen Wohlgesinnten das Meiste gelten müssen, be-stimmt, sein Recht. Ferner gab er auch des allgemeinen Bestenwegen nach, damit, wenn in Europa die Eintracht befestigt
*) Theodosius d. Gr. hatte, die Ermordung seines Militärprafectsbei einem Volksaufstand zu Theffalonich LSO zu rächen, im erstenGrimm die Stadt plündern, und 7000 Einwohner nicderhaucnlassen. Da wies ihn darauf der Bischof Ambrosius in Mailandvon den Thüren der Kirche zurück, und ertheilte ihm erst nachachtmonatlichem Bann, und nachdem er öffentlich Kirchcnbuße ge-than batte, die Absolution.