139
gehalten 1536.
Denn wie es zur Heilung körperlicher Krankheiten zu spät ist,dann erst Heilmittel zu suchen, wenn die Krankheit schon aufden höchsten Grad gestiegen ist, eben so wendet man gegen sitt-liche Gebrechen vergebens Heilmittel an, wenn sie sich ganz aus»gebildet haben.
Welche Fehler erzeugt denn nun die Modesucht in der Klei-dung? Außer vielen andern vorzüglich den ailerverderblichstcn, daßer die jugendlichen Gemüther zur Verachtung der Gesetze führt.Denn haben sie einmal in unbedeutenden Dingen von dem all-gemeinen Gebrauche der Bessern und von öffentlichen Einrichtun-gen sich entfernt, dann wächst auch allmälig die Dreistigkeit soweit, daß sie auch in wichtigen Dingen das Uctheil vernünftigerMänner nicht nur, sondern alle Gesetze überhaupt verachten. Undder, welcher jetzt, indem er an solchen Kleiderpofsen Geschmackfindet, nur zu spielen scheint, wird bald gegen alle Gesetze undObrigkeiten sich aufblähen. So verderbliche Folgen kann eineSache haben, die man dem Anscheine nach für geringfügig hal-ten möchte. Aber das Beispiel haben wir allenthalben vor uns;denn haben sie nur Einmal die Riegel des Gesetzes durchbrochen,dann werden sie auch kein Gesetz überhaupt mehr für fester, alsdas Gewebe einer Spinne halten, und, wie Ihr wißt, ist „derAnfang die halbe Ausführung schon." Wiewohl man nun diesesim täglichen Leben schon sehen kann, so wird es doch noch weitsichtbarer bei dem Verfalle der Staaten. Denn welcher Staatist nicht eben darum verfallen, daß man Anfangs Zucht undOrdnung in geringfügigen Dingen vernachlässigte, wodurch Leicht-fertigkeit und Muthwille bei der Menge genährt wurde, bis siezuletzt auch in den wichtigsten Angelegenheiten den Gehorsamverweigerte! Weil ferner, wie ich eben gesagt, die Kleidungdie innere Gesinnung nachahmt, so geschieht es dadurch auch,daß gerade den im Herzen verschlossenen Neigungen und Lei-denschaften, welche gebändigt und unterdrückt werden müßten,der Zügel überlasten wird. Es gibt Leute, welche ihrer wildenrauhen Gesinnung zu Folge, in solcher Tracht sich gefallen, die de-nen, welche sie sehen, Schrecken einjagen soll. Bei Solchen nunwächst, eben weil sie ihrer Neigung nachgeben, die wilde Denkungs-art. Andere putzen sich wegen eines weichlichen Charakters ganznach Frauen Weise; Solche macht ihre Kleidung nur noch weibi-scher. Denn wie das Fieber genährt wird, wenn man ihm will-fahret, und Alles trinkt, wonach die krankhafte Natur begehrt, sowachsen auch geistige Krankheiten, wenn man ihnen gewahrt,