126 Rede über den Nutzen der Philosophie,
daß Ihr mich, nach Eurer gewohnten Humanität, aufmerksam hö-ret, und nach vernommener Ermahnung, gleich wie die Gefähr-ten des Ulysses mit verstopften Ohren vor den Sirenen vorüberfuhren, also auch Ihr nicht nur die albernen Urtheile derer,welche meinen, der Kirche sei freie, gelehrte Bildung nicht ebennöthig, flieht, sondern auch gegen solche Leute, wie gegen diefurchtbarste Seuche und die scheußlichsten Ungeheuer, tiefen Abscheuhegt. Sodann soll auch der Umstand Euren Lerneifer schärfenund anfeuer!', daß Eure Studien der Kirche, dem Staate ange-hören, und daß nicht der Einzelne nur für sich Vortheile undVergnügen daraus schöpft.
Denn einmal ist überhaupt Theologie ohne GelehrsamkeitUnglücks vollauf; denn sie ist dann eine Wissenschaft voll Ver-wirrung, in der wichtige Gegenstände nicht genau erklärt, das,was getrennt werden muß, unter einander geworfen, und hinwie-derum das, was die Natur der Sache zu verbinden fordert, auseinander gezogen wird. Oft kommen widersprechende Behauptun-gen vor, das Aehnliche greift man statt des Wahren und We-sentlichen auf; die ganze Wissenschaft hat mit Einem Worte eineabenteuerliche Gestalt, ähnlich jenem Gemälde im Horaz:
„Wenn an ein menschliches Haupt der Maler den Hals eines RoffeS
Fügen wollt', und zöge darüber ein buntes Gefieder."
Nichts hat darin Zusammenhang; man kann weder Anfang, nochFortgang, noch Ende unterscheiden. Eine solche Wissenschaftmuß nothwendig unabsehbare Irrthümer, endlose Zersplitterungerzeugen, weil bei einer solchen Verwirrung Jeder etwas Anderesversteht, und indem Jeder seine Träumereien vertheidigt, entste-hen Kämpfe und Spaltungen. Jndeß werden die Gewissen demschwankenden Zweifel überlassen. Und weil keine Erynnen dieSeele furchtbarer punigen, als Religionszweifcl, so wirst mandann in einer gewissen feindseligen Stimmung alle Religion vonsich, und die Gemüthcr werden irreligiös, und epikurisch gesinnt.
Da nun die unwissenschaftliche Theologie so viel Nachtheili-ges hat, so kann man leicht beurtheilen, daß die Kirche vielfa-cher, wichtiger Zweige der Gelehrsamkeit bedarf. Denn um zuprüfen, um verwickelte und dunkle Sachen richtig und klar zuentwickeln, ist's nicht genug, jene allgemeinen Regeln der Gram-matik und Dialektik zu kennen, sondern es bedarf vielseitiger Ge-lehrsamkeit. Denn Vieles muß man aus der Physik entlehnen,Vieles aus der Moralphilosophie mit der christlichen Lehre zu-sammen stellen.