86 Historie vom Leben und Geschichten Do. Martin Luthers,
Ich will aber allhier nicht melden, wer zum ersten dasNachtmahl in beiderlei Gestalt gereicht habe; wer erstlich dieWinkelmcffen habe Unterlasten; wo man habe angefangen, ausden Klöstern zu gehen; denn davon hat Luther nicht viel gehan-delt, ehe der Reichstag im 1521sten Jahr zu Worms gehaltenist worden.
Dazu was die Ceremonieen belanget, die hat nicht er selbst,sondern der Carlstadt und Andere geändert, dieweil Luther aus-gewesen ist. Davon darnach Luther auch geschrieben und seineMeinung öffentlich hat lasten ausgchen, da er wieder gekommenist, damit Jedermann wüßte, was er daran für recht oder un-recht hielte. Denn Carlstadt hat viele Dinge durch Auflauf ab-gethan.
Nun weiß ich wohl, daß Alle, so bürgerliche Jucht und gutRegiment lieb haben, großen Abscheu haben an allen Neuerun-gen; und ist wahr, daß Zwietracht und Uneinigkeit in diesemtrübseligen Leben allwege etwas Böses bringt, wenn schon derAnfang gut ist. Und dennoch muß man in der Kirche GottesGebot höher halten, denn alle menschliche Dinge. Denn also ruftder ewige Vater von Seinem Sohne: „Dieß ist Mein ge-liebter Sohn; Den höret!" Und dräuet den Gotteslästerernewigen Zorn, nämlich denen, so die erkannte Wahrheit begehrenzu unterdrücken. Derhalben hat Luther ein nothwcndig Werk ge-lhan, sonderlich in der gemeinen Predigt, daß er die schädlichenJrrthümer gestraft hat, welche damals etliche ruchlose epikurischeLeute mit Haufen und ohne alle Scham und Furcht aufbrachten,und es haben die Zuhörer billige Ursach gehabt, ihm zu folgen.Daß man aber solcher Neuerung feind ist, und daß solche Un-einigkeit viel Unraths gebiert, wie wir denn leider viel zu sehrinne werden, daran sind diejenigen schuldig, so erstlich solche Jrr-thümer allenthalben aufgebracht haben, und denn auch die, sonoch dieselben aus teufelischem Haß und Neid handhaben wollen.
Solches rede ich aber nicht derohalben allein, daß ich Lutheround seinen Zuhörern Recht gebe, sondern darum, daß frommeHerzen zu unserer Zeit auch auf die Nachkommen gedenken undsehen, was das Regiment der christlichen Kirche sei, und allezeit'gewesen sei, wie sich Gott durch die Predigt des Evangelii eineewige Kirche sammlet und aussucht aus diesem großen Haufender Menschen, die doch alle unrein und eitel Sünde sind, undkästet unter denselben sein Evangelium scheinen wie ein Fünkleinin einer tiefen Finsterniß.