Druckschrift 
5 (1830)
Entstehung
Seite
78
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74 Historie vom Lebe» und Geschichten Dr. Martin Luthers,

verstehen. Und als nun sein Sinn und Muth ganz begierig warzu lernen, und immer etwas Weiteres und Besseres suchte, hater angcfangcn, die vornehmsten alten lateinischen Schreiber zulesen, als da ist Cic.ero, Virgilius, Livius und anderedergleichen. Die er denn also gelesen hat, daß er nicht allein dieWorte daraus genommen, wie die jungen Knaben, sondern aucheine Lehre und Exempel des menschlichen Lebens daraus gefaßthat. Darum er auch desto fleißiger Acht gehabt, was derselbenSccibenten Vornehmen wäre, und wohin ihre Rede gereichet, unddarnach fast alles Dasselbige, so er gelesen oder gehört hatte, imSinn behalten, gleich als ob er's immer vor Augen hatte, wieer denn sonst behaltig und guten Gedächtnisses war. Auf solcheWeise ist er vor andern jungen Gesellen vocgekommcn, daß auchdie ganze hohe Schule daselbst über Luthers Verstand sich ver-wundert hat.

Da er nun 20 Jahre alt, und Magister in den freien Kün-sten geworden, hat er angefangen, in Rechten zu studiren, aufRath seiner Freunde. Denn derselbigen Meinung war, man sollteeinen solchen wohl beredten und verständigen Menschen hervorziehen und zu gemeinen Sachen brauchen. Aber bald hernach, daer nun 21 Jahre alt geworden, kommt er unversehens, ohneseiner Acltern und andrer Freunde Wissen, in das Augustiner-Kloster zu Erfurt, und begehrt, man wolle ihn da ausnchmcn.Und als er da ausgenommen worden, hob er gleich an mit Fleißzu lernen die Lehre, so da in der Kirche gebräuchlich und gemeinwar, hielt sich über das auch selbst mit großem Ernst in Juchtund Furcht, und in allen Hebungen that er's den andern Allenweit zuvor, mit Lesen, Disputiren, Fasten, Beten, und wasdergleichen war.

Er war aber von Natur von wenigem Essen und Trinken,daß ich mich seiner oft verwundert habe, dieweil er doch nichtklein, noch schwach von' Leib war. Ich Hab' gesehen, daß er zuZeiten in vier ganzen Tagen, wenn er schon gesund war^ Nichtsgegessen oder getrunken hat. So habe ich auch sonst oft gesehen,daß er täglich nur mit wenig Brot und einem Häring begnügtgewesen, und das zu Zeiten viel Tage lang.

Daß er aber eben den Mönchsstand angenommen und den-selben für den bequemlichsten gehalten, fromm zu leben, undGottes Wort zu lernen, ist das die Ursach, wie er uns selbstgesagt und auch andere Viel wissen. Wenn er etwa dem ZornGottes und den erschrecklichen Exempeln Seiner Strafen mit Ernst