durch Dr. Philipp Mclanchthon. 1546 . 70
nachgedacht Hut, sind ihm alsbald solche Schrecken angekommen,daß er davon schier vergangen wäre. Und zwar ich hab's selbstgesehen, daß ec in einer Disputation, die Lehre betreffend, so tiefin die Gedanken gekommen, daß er gar erstorben ist, und sich indie nächste Kammer auf ein Bett gelegt, und indem er betet,diesen Spruch oft wiederholt hat: „Er hat Alles beschlossen un-ter die Sünde, auf daß Er sich Aller erbarme." Solche Schrek-ken hat er am ersten gefühlet, oder ja am heftigsten, als erauf eine Zeit seiner Gesellen Einen verloren hatte, so etwa durchein Unfall war umgekommen. Also ist nun offenbar, daß ihngar nicht seine Armuth, sondern die Gottesfurcht zum Mönchs-leben getrieben hat.
Wiewohl er nun im Kloster die Lehre, welche damals in denSchulen gemein war, täglich vor hatte und lernte, und die Leh-rer, die man Zsutaiiliarios nennet, fleißig las, dazu im Dis-putiren viel Irrungen und geschwinde Ränke, daraus sich andreLeute nicht richten konnten, dermaßen erkläret, daß sich sein vielLeute verwunderten, schlug er doch seinen Fleiß nicht ganz darauf,sondern ließ es sich nur eine Uebung sein, damit er sich nachandern Hähern Geschäften erlustiret, und merket bald, wie er sichdarein schicken sollte; sonst war seine Meinung nicht, daran seineKunst zu beweisen, und großen Ruhm zu erjagen, sondern suchtnur, was ihm zu einem heiligen gottesfürchtigcn Leben dienenmöchte. Darum gab er sich darneben mit größerem Ernst aufder Propheten und Apostel Schriften, als den rechten Grund undQuelle der himmlischen und göttlichen Lehre, auf daß er gewisseZeugnisse hätte von dem Willen Gottes, damit er sein Herz trö-sten, und sich in rechter Gottesfurcht und wahrem Glauben stär-ken könnte. Dazu ihm denn auch feine Furcht und Schrecken,davon droben gesagt ist, groß Ursach gaben.
Er hat uns auch erzählt, wie er oft aus eines Alten Redeim Augustinerkloster zu Erfurt sehr getröstet sei worden. Dennals er demselben seine Schrecken offenbaret, hat er ihm viel vomGlauben gesagt, und ihn auf den Artikel des Glaubens von derVergebung der Sünden gewiesen. Diesen Artikel hat ihm derselbeAlte ausgelegt und gesagt, daß man nicht allein insgemein glau-ben müsse, daß Etlichen ihre Sünden verziehen würden, wie auchdie Teufel glauben, daß sie dem h. David oder St. Peter ver-ziehen werden; sondern das wäre Gottes Befehl, daß unserJeder insonderheit glaube, ihm werden seine Sünden nachgelas-sen. Und daß solches der rechte Verstand wäre, hat er bewiesen