72 Rede über der Leiche Dr. Marti» Luthers,
Sachen schauet er jetzt selbst vor Augen; gleichwie er zuvor un-ter den Dienern Christi und Predigern des Evangelium, unterdiesem Herzoge Christo gen Himmel hinauf und herab fuhr, alsostehet er nun auch, wie Seine Engel von ihm gesandt werden,und hat große herzliche Lust und Freude mit ihnen in der An-schauung und Betrachtung Seiner göttlichen Weisheit und gött-lichen Werke.
Es haben auch unserer Viele in gutem Gedachtniß, wie gerneund mit großer Lust ec zu reden pflegte von der heiligen Pro-pheten Regierung, von ihrer Lehre und gutem Rath, von ihremKampfe, Gefahren und Verfolgungen, so sie erlitten, wie sie Gottwunderbar errettet, und wie mit großem Verstände und Weisheiter die ganze Zeit die Kirchen Gottes in der Welt gegen einanderhielt, damit er genug anzeigte, wie großes Verlangen er hatte,bei denselben heiligen, hohen Leuten zu sein. Zu diesen hat ersich jetzt gesellet, und freuet sich, daß er ihre lebendige Stimme hö-ren, und mit ihnen reden soll; so sind sie auch wiederum ihresSchulgcsellens und Mitdieners herzlich froh, empfangen und grü-ßen ihn freundlich, und sagen also Beide Gott ewigen Dank, Deraus grundloser Gnade und Güte Seine Kirche im menschlichenGeschlecht sammlet und erhalt.
Darum sollen wir gar nicht zweifeln, daß dieser unser lieberVater Dr. Luther bei Gott in ewiger Seligkeit ist; aber darumbekümmern wir uns billig, daß wir nun einsam und verlassensind. Jedoch, weil wir dem göttlichen Willen, nachdem er vonuns hinweg gefordert ist, zu gehorchen schuldig sind, sollen wirwissen, daß Gott auch dieses von uns haben will, daß wir sei-ner Tugend und der Wohlthaten, die uns durch ihn gegeben,eingedenk sind; diese Dankbarkeit sollen wir ihm treulich leisten,und sollen erkennen und betrachten, daß er ein edles, nützlichesund heilsames Werkzeug Gottes gewesen, und sollen seine Lehremit treuem Fleiß lernen und behalten; daneben auch seine Tu-genden, die uns noth sind, uns zum Exempel vorbilden und den-selben nach unserm Maß fleißig Nachfolgen: als Gottesfurcht,Glauben, ernstliches und brünstiges Anrufen Gottes, Treue undFleiß in unserm Amt, Keuschheit und Zucht, Vorsichtigkeit; Alles,was Aufruhr und anderes Aergerniß erregen mag, zu fliehen undzu meiden, Lust und Begier immerdar mehr und mehr zu lernen.
Und wie wir billig oft und viel anderer großer, heiliger Leute,durch welche Gott Seine Kirche auf Erden regieret, gedenken; alsJcremia, Johannis des Täufers, Pauli: also sollen wir auch