Unter den französischen Flüchtlingen, welche sich in Genf aufhiel-ten , befand sich Einer Namens Trie, welcher in Lvon schlechte Streichegemacht und sich nun nach Genf geflüchtet hatte, um sich dem Gerichtedes Rathes zu entziehen. Trie hatte sich für einen Evangelischen aus-gegeben, der sich der Verfolgung der Katholiken entzogen habe, wodurcher von dem Reformator einige Hilfe erwarb. Dieser Flüchtling hattein Lyon einen Verwandten, den Kaufmann Anton Arneps, einen gutenKatholiken, der die verirrte Seele um jeden Preis in den Schoosi derkatholischen Kirche zurückführen wollte. Es bestand zwischen den beidenVettern ein lebhafter Briefwechsel. Trie zeigte die Briefe, die er vonArneps erhielt, dem Prediger Calvin, der ihm die Antwort dictirte.Trie war es, welcher den Servet anzeigte. Die Arglist zeigt sich hierin bewunderungswürdigem Lichte. Es darf uns keine Zeile des Brie-fes des armen Kaufmanns verloren gehen, der von der Theologiespricht, als hätte er sie sein ganzes Leben lang studirt/)
„Mein lieber Herr Vetter, ich danke euch sehr für so viele schöneErmahnungen, die ihr mir gegeben habt, ich zweifle nicht, daß ihr essehr freundlich meinet, wenn ihr mich dahin zurückzubringen sucht,von wo ich hergekommen bin. Ich bin aber in der Gelehrsamkeit nichtso bewandert wie ihr, deßhalb will ich nicht auf alle Punkte und Ar-tikel, die ihr mir vorhaltet, ordentlich antworten. Es hat mir Gottjedoch soviel Einsicht verliehen, daß ich weiß, woran ich mich haltensoll; denn Gott sei Dank bin ich nicht so gar übel unterrichtet, daßich nicht wüßte, die Kirche habe Jesus Christus zu ihrem Oberhaupte,von dem sie sich nicht trennen kann, und sie habe kein anderes Lebenund kein anderes Heil, als durch die göttliche Wahrheit, die inder Schrift enthalten ist. Alles, was ihr mir daher von der Kircheanführet, ist in meinen Augen Menschentand und Einbildung. Ichglaube nichts mehr, als daß Jesus Christus über die Kirche herrscht,und daß das Wort Gottes der Grund derselben ist; ohne dieß sindalle Formalitäten nichts. Damit ich es aber kurz mache, so sage icheuch, daß ich mich sehr darüber verwundere, wie ihr den Reformirtenunter Anderm vorwerfet, es sei in ihrer Kirche weder Zucht noch Ord-nung und ihre Lehrer hätten eine unbändige Freiheit eingeführt. Ichsehe vielmehr täglich, daß die Laster bei meinen neuen Glaubensgenossenmehr gezüchtiget werden, als durch alle bischöfliche Gerichte der Katho-lischen. In der Lehre ist allerdings bei den Reformirten mehr Freiheit,
1) D' Artigny fand die Briefe in den Archiven des Erzbistbums Vienne.