Killebrands Briest 10Z
auswendig wußte, und in der ich ihm oft ganze Kapitel vor-las, vornehmlich im Alten Testamente. Von Zeitungenwollte er nichts wissen, höchstens las er das sournal ckesDebüts, aber als ich ihm einst H. Laubes „Geschichte desersten deutschen Parlaments" brachte, die mir mein Vatergeschickt hatte, mußte ich ihm alle drei Bände vorlesen, undobschon er die etwas konservative oder vielmehr gothaischeRichtung des Verfassers nicht billigte, so ward er doch nichtmüde, den reinlichen Stil, die Lebendigkeit der Porträts, dieFeinheit des Llrteils zu rühmen. Dichter aber lasen wirviele: ich habe in den acht bis neun Monaten, währendwelcher ich ihn besuchte, mit ihm gelesen: „Wilhelm Meister",„Wahrheit und Dichtung", „Tasso", „Faust" (beide Theile),„Geisterseher" und fast alle Dramen Schillers, für die ereine große Bewunderung hegte. Namentlich schätzte er„Wallenstein" ganz ungemein. Dabei nun ließ er sich nichtdie Mühe verdrießen, den zwanzigjährigen Jungen in's Ge-heimnis des Handwerks einzuweihen, ihm das Warum undWie gewisser Stilformen, ja sogar der Kunstgriffe desDichters, die er sofort herausfand, auseinanderzusetzen, ihnauf die feinsten Nuancen aufmerksam zu machen, ihm immerund immer wieder die Sobrietät der Klassiker anzupreisen.
Ich will, wie gesagt, nicht auf Persönliches eingehen,doch darf und muß ich sagen, daß der Dichter mich stetsmit einer Güte und liebevollen Rücksichtnahme behandelte,die tief in meinem Herzen eingeprägt geblieben. Auch nach-dem ich Paris im Sommer 1859 hatte verlassen müssen,vergaß er mich nicht, half mir sogar mit seinem Wenigenaus, als ich in der Noch war, und ich konnte ihn nur mitMühe dazu bewegen, sein kleines Darlehen zurück zu nehmen,das er mir als nachträgliche Zahlung geleisteter Dienste auf-drängen wollte. Die kurzenZBriefe — meist mit Bleistiftunterzeichnet — die er dem „jungen Freunde" in der Provinzschrieb, habe ich leider, wie fast alle Andenken an die be-rühmten Männer, mit denen ich in Beziehung getreten bin,