Druckschrift 
Neue Baukunst in den Rheinlanden : [eine Übersicht unserer baulichen Entwicklung seit der Jahrhundertwende]
Entstehung
Seite
33
Einzelbild herunterladen
 

33

Debatten im deutschen Blätterwald. Die breite Menge war begeistert für Kreis'gesteigert ausdrucksvollen Entwurf. Ich war damals mitbegeistert, was man, Gottsei Dank, immer ist, wenn man jung und noch begeisterungsfähig sein kann, undschrieb in der Presse für Kreis; ich fand mich dabei in bester Gesellschaft von FritzStahl, Max Osborn, Georg Biermann u. a. Heute weiß ich längst, ich bin eben älterund langweiliger geworden: künstlerisch war die breite Menge durchaus im Un-recht! Der Bau hätte das Rheintal ja erdrückt. Uns ging es damals aber um denkraftvollen künstlerischen Ausdruck für den Begriff Bismarck. Aber ganz sicherlichzeigten die beiden ersten Preisträger, German Bestelmeyer und Hermann Hahn,mit ihrem Entwurf doch glücklichere Anpassung an die gegebene Natursituationund künstlerischeren Sinn für Maßstab und Wirkung. Im zweiten Wettbewerbblieb Kreis dann Sieger, aber mit einem völlig überarbeiteten Entwurf, nicht alleinin der Höhe wesentlich reduziert, sondern auch in Gliederung und Schmuck fein-nerviger. Vor diesem zweiten Wettbewerb liegt Kreis' große Studienreise nachItalien. Sie war nicht allein heilsam für die Umarbeitung des Denkmalprojektes,sondern auch für seine ganze weitere Entwicklung. Wir haben von da ab mit einemneuen Kreis zu rechnen.

Kreis ist einer der anpassungsfähigsten Baukünstler, die ich kenne. Was warenseine ersten Arbeiten nach der Übersiedlung von Dresden nach Düsseldorf? 1909auf der Ausstellung für Christliche Kunst der schöne Friedhof mit Kapelle,Umgang und Urnenhalle. Diese seltsame Mischung von stimmungsvoller Intimitätund barocker Wucht der Profile, Fenster-, Tür- und Bogenrahmen, der Kassetten-decken und Kapitelle usw. 1 Das Wohnhaus Oppenheim in Krefeld ist eben-falls noch stark erfüllt von Dresdener Barockstimmungen, die am Verwaltungs-gebäude der Emscher Genossenschaft zu Essen eine ganz eigenpersönliche Prä-gung erhalten haben (s. Kap. VIII). Aber hier setzt auch schon eine erste Wandlungein durch Kreis' anpassungsfähige Beweglichkeit. Das bodenständige und zweck-mäßigste Material für das niederrheinisch-westfälische Industriegebiet ist der Back-stein.Der Bau der Emscher Genossenschaft vom Jahre 1908 gehört zu den ersteninteressanten Versuchen der Wiederbelebung und vor allem der Weiterentwicklungheimischer rheinischer Bauweisen. Für den Kunstmaler Fritz Reusing in Düsseldorfbaute Kreis 1909 aus verwandter Einstellung, aber wieder vollkommen auf eigeneFormgebung gestimmt, einBergisches Haus". Und schließlich dann das Waren-haus, bei dem in gleicher Weise wie beim Bismarck-Nationaldenkmal für Binger-brück die Wandlung von der barocken Dresdener Jugendzeit zum klassizistisch ge-reiften Meister des zweiten Wettbewerbes für Bingerbrück zu verfolgen ist.

Beim Elberfelder Tietzbau 2 vom Jahre 1910 schließt am Marktplatz dieSeitenfassade mit einem barocken Giebel (Bild S. 34). An der Hauptfassade mögen derflache Mittelgiebel mit dem Volutenschmuck und das Halbgeschoß darunter entfernt

1Ausstellung für christliche Kunst Düsseldorf 1909." SonderheftModerne Bauformen"VIII (1909), Heft 9. Die übrigen in meinen Ausführungen genannten Arbeiten von Kreis ab-gebildet bei Meißner a. a. O. und inNeue Werkkunst" a. a. O.

2 Max Creutz,Das Warenhaus Tietz in Elberfeld". Berlin 1912. Verlegt bei Ernst Was-muth, A.-G.