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Neue Baukunst in den Rheinlanden : [eine Übersicht unserer baulichen Entwicklung seit der Jahrhundertwende]
Entstehung
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X.

Rheinische Baukunst nach dem Weltkriege zu schildern, fällt mir nichtganz leicht; es ist nicht nur der Mangel an Zeitabstand, der zur klaren Ab-wägung der Dinge nötig ist; nicht nur die Erkenntnis, daß alles noch im Werdenbegriffen ist und daß ich, wie jeder andere, der die letzten 25 Jahre Baugeschichteintensiv miterlebt hat, sich oft gewandelt hat und sich weiter wandeln wird; schwerwird mir die Aufgabe, weil ich die meisten der führenden Baukünstler in den Rhein-landen beruflich oder dienstlich persönlich gut kenne und mich mit vielen jahre-lange freundschaftliche Beziehungen verbinden. Das beeinflußt unvermeidlichetwas die Objektivität der Beurteilung, so gerecht ich, auch schon in den voraus-gegangenen Abschnitten, die Tätigkeit der einheimischen Baukünstler gegenüberden eingewanderten aus Norddeutschland und Süddeutschland zu beurteilen michbemühte. Trotzdem, ich fühle, ohne sie im einzelnen zu kennen, die Schwächendieser letzten Darstellungen. Für die Bilanz, die ich beim Eintritt unseresRheini-schen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz" in sein drittes Jahrzehnt hierzu erstatten habe, möchte ich diese letzten Ausführungen aber doch nicht missen.Sie könnten vielleicht den Vorteil haben, daß wesentliche Linien herausgearbeitetklärend wirken könnten, vor allem in den von Befürchtungen vor kommendenDingen belasteten romantischen Kreisen, die in einer angeblich internationalenBaukunst den Feind des Heimatschutzgedankens sehen werden. Ich nehme dahereinen Hauptwesenszug der neuen baulichen Dinge in den Rheinlanden vorweg: wohlhat der Weltkrieg uns derart aufgewühlt, daß wir über unser Deutschland hinausheute auch an Europa und Völkerverbrüderung denken; wohl hat ganz unvermeid-lich das Erlebnis der letzten Jahre auch formgestaltenden Ausdruck in der Bau-kunst gefunden; aber die Baukunst in den Rheinlanden ist dennoch schollen-verwachsen geblieben. Der Vergleich mit den gleichzeitigen künstlerischen Vor-gängen in Berlin zeigt das deutlich.

Berlin nach dem Umsturz. Man glaubt an eine Umgestaltung aller Dinge vonGrund auf, natürlich auch in der Baukunst. Bauaufträge sind einstweilen nichtvorhanden. Man träumt Utopien. Man baut auf dem Papier oder knetet in TonLuftschlösser, phantastisch schön oft. Visionen aus dem Schützengraben, auf-strahlend leuchtend. Man dichtet glitzernde Glaspaläste über Alpentäler. BrunoTaut schreibt sein BuchDie Stadtkrone". Bauten kommen ins Schwingen, insSchweben. Man findet neue Möglichkeiten in der organischen Natur. Man redetvon einemneuen Weltgefühl", vonorganischem Schaffen und Gestalten", vongestalteter Wirklichkeit", vonfunktioneller Architektur", vondynamischerBaukunst". Diese Dinge haben wir in den Rheinlanden in dem Maße gar nicht er-lebt. Es ist charakteristisch, daß der phantasievolle Mies van der Rohe aus Aachenfür seine berauschenden Glaspalastentwürfe, die in den Himmel wachsen, bei unskeinen Boden gefunden haben würde und in Berlin lebt. Die rauhe Wirklichkeit,fremde Besatzung und Ruhrkampf, unfaßbar für jeden, der diese Dinge nicht selbsterlebt hat, ließen uns keine Zeit zum Träumen und Utopien nachzujagen. Als wirdann wieder Bauaufgaben hatten, war es die vor dem Weltkriege wieder gewonneneSachlichkeit des Backsteinbaus und deren rhythmische Behandlung, die uns leiteten.