115
XI.
Amerika ist heute neben Holland das Reiseziel der Studienfahrten deutscherArchitekten geworden, wie vor dem Kriege England. Ich kenne Nordamerikaund den gewaltigen Verkehr in den Millionenstädten aus eigener Erfahrung nichtund amerikanische Baukunst nur aus den bekannten Buchveröffentlichungen. MeinUrteil ist daher nicht maßgebend. Frage ich nun die aus Amerika heimkehrendendeutschen Architekten, so haben sie meist das nicht gesehen, was mich an ersterStelle interessiert, nämlich Bauten des Frank Lloyd Wright und was sich um seinenNamen sammelt. Ich höre immer nur von riesenhaften Hotel- und Geschäftsbauten,von Wolkenkratzern und gewaltigen Silos und von Autoparkplätzen, die zehntau-sende von Kraftwagen aufnehmen können. Abgesehen von Anwendung neuer Kon-struktionen besteht offenbar der Hauptreiz für unsere Amerikastudierenden — ichreferiere nur und entsinne mich entsprechender Vorträge, die ich gehört habe — imStudium der Wolkenkratzer 1 . Der Wolkenkratzer ist eine spezifische Angelegenheitnordamerikanischer Millionenstädte und entstanden aus örtlichem Mangel an Bau-gelände in der City, d. h. der Geschäftsstadt. So mußte man von selbst in der Höhedas ersetzen, was einem in der Breite verwehrt war. Der Wolkenkratzer ist nunnach dem Weltkriege zu einem deutschen Bauideal geworden. In Köln, Düsseldorfund Essen entstanden die phantastischsten Projekte. Das „biggest thing of theworld" in Amerika sollte noch übertrumpft werden, und das nach einem verlorenenKriege! Neben dem Dachpark ein Flughafen, Schwimmbad usw. Eine interessanteBegleiterscheinung zu den Glaspalastphantasien nach dem Weltkriege in Berlin.Aber erstlich verwechselt man Amerika mit Europa und City mit Altstadt. Wirkönnen auch eine City außerhalb der Altstadt haben. Wie Berlin eine neue Cityim Westen erhalten hat, so wird auch in einigen Jahren Köln nach seinen neuenBebauungsplänen außerhalb des alten Stadtberinges eine neue City erhalten. EineAltstadt im europäischen Sinne ist den meisten amerikanischen Großstädten fremd.Dann herrscht bei uns ja ganz und gar nicht in dem Maße, wie in den betreffendenStädten Amerikas, die Voraussetzung zum Wolkenkratzer, d. h. Mangel an Bau-gelände. Aus unseren Wolkenkratzerträumen wurden daher für amerikanischeVerhältnisse bescheidene Hochhäuser. Ausgeführt haben wir ihrer zwei bisher inden Rheinlanden: in Düsseldorf das Wilhelm-Marx-Haus auf dem Hindenburg-wall von Wilhelm Kreis vom Jahre 1924 mit 13 Geschossen (Bild S. 116, 119)und in Köln das Hochhaus auf dem Hansaring mit 17 Geschossen von JakobKoerfer vom Jahre 1925 (Bild S. 117). Das gleichzeitig entworfene Lochnerhausvon Emil Fahrenkamp in Aachen ist bisher nur im Eisengerüst ausgeführtworden.
Kreis' Hochhaus ist der wirkungsvolle Abschluß des breiten, baumbestandenenHindenburgwalles, eingerahmt von Englers Kaufhaus Carsch einerseits, anderer-
1 Im vergangenen Jahre hörte ich im „Bund Deutscher Architekten" in Köln einen Vortrageines Amerikastudienreisenden und bekannten Siedlungsredners aus dem Ruhrgebiet über „Maßund Masse im amerikanischen Stadtbilde", der etwa so begann: In New York werden jährlich sound-soviele Tausende von Autos totgefahren. In Chicago war ein Hotel mit 3000 Betten eröffnet wor-den, sofort stieg nebenan ein neues mit 3300 Betten nach usw.