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Neue Baukunst in den Rheinlanden : [eine Übersicht unserer baulichen Entwicklung seit der Jahrhundertwende]
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gestaltung etwas ganz Wichtiges vergessen, das, was zweckmäßiges Anordnen erstin die Region des Künstlerischen erhebt, den Sinn für rhythmisches Gestalten, fürdie Musik im Grundriß, im Raum, in der Ausgestaltung des Raumes und in derFassade. Dieses elementarste aller künstlerischen Dinge lernten wir wohl auf derSchulbank bei der Dichtkunst und der Musik, nicht aber auf dem Gebiete der bil-denden Kunst! (Ganz unter uns gesagt und streng vertraulich: Auf vielen Univer-sitäten und Technischen Hochschulen habe ich als Student auch nichts davon ge-hört!) Ist es da zu verwundern, daß die breite Menge schließlich, und das ist diegrößte Bloßstellung der Architektur als Kunst, unterKunst" nur noch verstandMalerei? Aber auch eine Bloßstellung der breiten Menge, denn sie sammelte Bilderwie Briefmarken und bekleidete mit ihnen bis zur Unwohnlichkeit die Wändeunserer Räume! Was heute zur erschreckenden Erkenntnis geworden ist, das hatteschon 1839 (!) der künstlerisch feinsinnige Philosoph Gustav Theodor Fechner er-kannt, als er anläßlich einer Kunstausstellung im Leipziger Kunstverein schrieb:,,Man sollte seine Wohnung nicht zur Galerie machen, und es ist gewiß, daß der,der es tut, nichts von der lebendigen Wirkung der Kunst weiß! Die Kunst istkeine Tapete des Lebens; so sollte man auch ihre Werke nicht zur Tapete desZimmers machen!"

Zusammenfassend: Dahin war der Sinn für Zweckmäßigkeit der Anlage, fürrhythmisches Gestalten von Bau und Raum und städtebauliches Sichanpassen;dahin der Sinn für die Relativität der Wirkung eines Bauwerks; dahin, trotz allerkunstgeschichtlichen Gelehrsamkeit, das Verständnis, aus welchen geistigen Zeit-voraussetzungen und aus welchen praktischen Voraussetzungen der Landschaft,des Klimas, der Lebensgewohnheiten, der Konstruktion und des Materials diehistorischen Formen sich entwickelt hatten. So zog ein wüstes Tohuwabohu miß-verstandener fremder Formen ein in unsere Straßen (Bild S. 9). Für die einzelnenBautypen waren bestimmte Schemen vorgeschrieben, für Kirche, Rathaus, Theater,Bank usw. Das Schema des Reihenwohnhauses in der Straße war die berüchtigteDreifensterfront, eine restlose Bankerotterklärung künstlerischen Gestaltens.Da konnte die neueDekorative Baukunst" des Jugendstils mit ihremindividuellenOrnament" oder derexpressiven^Kraftlinie" keine Sanierung schaffen (Bild S. 5).

III.

Eine Besserung der Verhältnisse brachte erst dercommon sence" des prak-tisch denkenden Englands, nicht etwa, und das ist wieder sehr bezeichnend,das wegen seiner Bedeutung in der Geschichte der Malerei des 19. Jahrhundertsführende Frankreich, auch nicht die alte kunstgeschichtliche Pilgerstätte der Deut-schen, Italien. Ausgerechnet England, von dem der Maler Whistler meint:Soetwas wie englische Kunst gibt es nicht," oder der Maler Joseph Anton Koch:England, dieses moderne Karthago, hat niemals Sinn für Kunst bei sich heimischgefühlt." Und Antoine Etex:Der Künstler ist dort landfremd, verpflanzt in eineantipathische Atmosphäre. Dort kann er nur vegetieren, um schließlich vor Schmerzzu sterben, denn die Kunst kann dort nicht existieren. Bei diesen britischen Insu-lanern, diesen neuen Vampiren der Welt, diesen entarteten Römern, wird man nie-