Druckschrift 
Neue Baukunst in den Rheinlanden : [eine Übersicht unserer baulichen Entwicklung seit der Jahrhundertwende]
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10

Kunsthandwerker verstanden sich noch im architektonischen Gestalten und deko-rativen Durchbilden, wie die verschiedenen Meister einer mittelalterlichen Dom-bauhütte oder an späteren Schloßbauten. Das war auch noch der Geist derBer-liner Bauakademie" Schinkels, des letzten großen Allgemeinkünstlers auf allen Ge-bieten, die sich auf einen Bau beziehen. Als aber 1879 die Bauakademie aufgehobenwurde, zerfiel im Kunstunterricht der Zusammenhang der Künste. Die Kunst-akademie galt nur noch der Heranbildung von Malern und Plastikern. Bild undPlastik verloren dadurch den Zusammenhang mit der diktierenden Linie der Bau-kunst, in deren Dienst bisher die dekorativen Künste der Malerei und Plastikstanden. Die Malerei verlor sich in Genre und Naturalismus, lebte nur noch alsStaffeleimalerei, da das einstmals aus architektonischen Voraussetzungen geboreneWandbild nichts anderes mehr war als vergrößertes Staffeleibild. Plastik verlordazu noch den Sinn für materialgerechtes Gestalten. Man modellierte naturalistischin Ton, ohne auf die Wirkung im späteren Material, Stein, Bronze oder Holz, Rück-sicht zu nehmen, natürlich auch ohne an die Wirkung aus dem späteren Standortzu denken. Die Erziehungsstätte für den Architekten war die Technische Hoch-schule. Unter dem vorherrschenden Einflüsse historischer Studien waren die da-maligen Lehrer an den Architekturabteilungen der Technischen Hochschulen imGrunde selten etwas anderes alsbautechnische Kunsthistoriker". Ausbildung derArchitekturstudierenden: antiker Tempel, mittelalterliche Kirche, deutsches Re-naissance-Rathaus, italienisierendes Theater, alles Arbeiten auf dem Papier ohnestädtebauliche Voraussetzung, aberstilecht" und in der Herkunft kunstgeschicht-lich genau datierbar. Die kunstgeschichtlichen Studien hatten eben alles in festeRegeln eingeschnürt. In Köln erzählt man sich noch heute eine höchst bezeichnendeund unsterbliche Geschichte: Einer der letzten Baumeister der neuen Kölner Dom-bauhütte stand mit seinen Mitarbeitern vor dem Straßburger Münster. Lange Zeitbetrachtete der Kölner Dombaumeister das durch verschiedene Baumeister eigen-willig persönlich gestaltete Bauwerk. Schließlich "meinte der in kunstgeschichtlicherStilechtheit erzogene Kölner Dombaumeister:Meine Herren, dat is überhauptkeine Jotik!" Wie sich nun der schaffende Baukünstler zum kunsthistorischen Stil-lehrer entwickelt hatte, so der Gartenarchitekt zum Botaniker. Schließlich derKunsthandwerker. Für ihn wurden Kunstgewerbeschulen gegründet, auf denen erzum kunstgeschichtlichen Ornamentzeichner ausgebildet wurde. Daß sich aberornamentale Dinge früher aus einer baulichen oder handwerklichen Konstruktionund handwerklich materialgerechtem Arbeitsprozeß entwickelt hatten, das wartotal vergessen. So war auch hier der Zusammenhang zwischen Handwerk undkünstlerischem Entwurf, soweit überhaupt vonEntwurf" geredet werden kann,zerrissen, wie das sich früher verstehende Zusammenarbeiten von Baukunst unddekorativen Künsten. Vor allem aber war bei der Baukunst, wie bei der Innenaus-stattung, durch die Bedeutung der Stillehre das Allerwichtigste baukünstlerischenSchaffens verlorengegangen, Sempers Mahnruf gegen dieImpotenz der halb-bankrotten Architektur":Nur einen Herrn kennt die Baukunst das Bedürfnis",was SchinkelZweckmäßigkeit" nannte. Und neben materialgerechtem Gestaltenund den Fragen der Zweckmäßigkeit hatte man in der Baukunst wie in der Raum-