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mals Verständnis für die Kunst haben, so wenig wie bei den Amerikanern, weil ihnenjene undefinierbare Anlage fehlt, jene unaussprechliche Anmut, welche das Ge-heimnis der Kunst ausmacht." — Wer lacht da? — Törichter Standpunkt des19. Jahrhunderts, für den Kunst umschrieben war mit Malerei, und Architekturmit kunstgeschichtlicher Stillehre!
Dafür hatte die auf Zweckmäßigkeit gerichtete Anlage des Engländers, das Landdes ,,easy chairs" und Klubsessels, freilich kein Verständnis, wohl aber für WilliamMorris' Worte: „Von allen Dingen, die heute vorhanden sind, ist das unnötigste dasOrnament ... Unser Mobiliar soll gut bürgerlich sein, gediegen und von guter Ar-beit. Es soll nichts an ihm sein, was man nicht sofort rechtfertigen kann, keine Un-geheuerlichkeit und keine Ausschweifung — nicht einmal eine solche nach der,Schönheit' hin, denn diese würde uns auf die Dauer ermüden ... Und nochmals,was ihr auch in euren Zimmern habt, denkt zuerst an die Wand, denn sie ist es, dieeuer Haus macht. Und wenn ihr der Wand zuliebe nicht einige Opfer bringt, sowerdet ihr empfinden, daß eure Räume einen zusammengestoppelten, an das Miets-zimmer erinnernden Eindruck machen, so kostbar auch euer Mobiliar sein mag."
Oder: „Es gehört fast zu den Grundlagen der Baukunst, eine Mauer errichtenzu können, die sogleich eindrucksvoll wirkt durch ihre Nützlichkeit; durch ihrenMaßstab, wenn sie groß, durch ihre Zierlichkeit, wenn sie klein ist; kurz, die durchdas in ihr verkörperte Leben wirkt. Das ist der Anfang alles Bauens!" — Hört sichdas nicht an wie allerneueste Erkenntnis der Gegenwart von „neuer Sachlichkeit"?John Ruskin, William Morris' Weggenosse, schrieb dieses: „Die allererste — nichtdie allerwichtigste, aber die allererste — Tat, die ein Mensch zu vollbringen hat, istdie, sich einen Ruheplatz zu suchen; einen Ort, wo sein Fuß rasten kann; ein Haus,sein Heiligtum; und er halte es so heilig und fühle sich so glücklich darin, daß erdaraus nur mit bitterstem Schmerze scheiden würde, sollte man ihn einst zwingen,es zu verlassen ... Und wenn unsere Häuser so gebaut werden, dann werden wirdie echte Hausarchitektur haben, den Beginn aller Architektur überhaupt."
In England kam die Einsicht eines „fin du siecle" Jahrzehnte früher als inDeutschland. 1831 schrieb Carlyle: „Der Untergang des Alten ist verkündet undist unwiderruflich. Das Alte ist dahingegangen. Aber, ach, das Neue erscheintnoch nicht an seiner Statt. Die Zeit liegt noch in den Geburtswehen um das Neue".England faßte indes, auch auf dem Gebiete der bildenden Künste, alle damit zu-sammenhängenden Fragen recht bald praktisch an, und zwar,, von unten". — Emersonhatte erkannt: „Die Schönheit muß zu den nützlichen Künsten zurückkehren, undder Unterschied zwischen der hohen und der nützlichen Kunst muß verschwinden."Walter Crane, der Maler: „Die wahre Wurzel und Basis aller Kunst liegt im Hand-werk, und die künstlerische Erfindungskraft nimmt in dem Maße ab, wie die Kunstihre Verbindung mit dem Handwerk lockert". Der angeborene Sinn des Engländersfür das Praktische hatte historische Baukunst auch niemals in dem Maße wie derKontinent zu einem Spiel toter Formen werden lassen.
John Ruskin wurde der Prediger einer neuen Wohnkultur, die von der Ehrlich-keit zweck- und materialgerechten Gestaltens redete. William Morris wurde seinbegeisterter Paulus. Aus dem Poeten Morris wurde ein Kunsthandwerker, dann ein