Holtum im Kreise Erkelenz.
Unberührte Dorfstraße. — Vgl. Bild S. 9.
Gegenwart. Der Verfall unserer Bau- und Wohnkultur setzt erst viel später ein.Es ist die Zeit der sogenannten Gründerjahre. Ihre Kunst nennen wir „Gründerre-naissance". Sie ist das untrügliche Spiegelbild unserer damaligen Gesinnung undLebensführung, und diese Gesinnung muß man zur Beurteilung unserer kulturellenVerhältnisse des Niederganges kennen. Die fünf Milliarden Kriegsentschädigung 1871und der Aufschwung der Industrie hatten uns den Maßstab für Reichtum genommen.Man stürztesich in großefinanzielleUnternehmungen. Man, .gründete", und jeder kleineMann beteiligte sich mit seinen Sparpfennigen am Gründen, um teilzuhaben an demneuen Reichtum, der über Nacht gekommen war und der nicht aufzuhören schien. Undalles war Selbstbetrug, ein Überschätzen der Werte und Möglichkeiten, ein Mehr-seinwollen seiner selbst. Das Echo des Gründens war der geschichtlich berühmte„Krach". Dieses Mehrseinwollen und Vortäuschen, d. h. das Nichtübereinstimmender äußeren Form mit dem inneren Wert, war charakteristisch für unsere ganzeLebensführung. Zum Kellner sagte man „Herr Ober", zum Oberkellner „HerrDirektor". „Madame" aus der Krämergasse wurde „Gnädige Frau". Aber diesesMehrseinwollen war auch charakteristisch für unsere ganze Bau- und Wohnkultur.Statt Bauplatz sagte man „gutes Spekulationsgrundstück". An Stelle des Bau-meisters trat der „Bauunternehmer". Die Gewerbefreiheit gab jedem Unternehmerdas Recht, sich stolz Baumeister zu nennen. Man baute nicht zum Wohnen, sondernzum Verkauf ganze Straßen „auf Spekulation". Der Bauer wollte jetzt Kleinstädtersein, der Kleinstädter Großstädter, der Arbeiter Bourgeois. Aber nachgeahmt wurde