Anhang. Das Schafopfer im Cultus der kyprischen Aphrodite. 343
eine Frau nach der Entbindung behandelt. In unserem Fall ist jedoch dieSymbolik die umgekehrte; anstatt die Vorstellung zu erwecken, dass das Opfer-tier ein Mensch sei, kommt im Ritual die Annahme zum Ausdruck, dass derMensch das Opfer sei und damit die sühnende Kraft des Opfers an sich selbstzu unmittelbarer Wirkung bringe.
Wenn nun diese Form der cultischen Symbolik nicht bei der Entsündigungeines einzelnen, sondern bei einem allgemeinen und öffentlichen Sühnecult zurAnwendung kam, so liegt auf der Hand, dass die Priester als Vertreter derGemeinschaft, um deren willen das Opfer dargebracht wurde, diejenigen Per-sonen waren, die das Fell des Opfers an sich tragen mussten. Wenn jedochmehrere Priester dabei mitwirkten und nur ein Opfertier dargebracht wurde,so war es das Angemessene, nicht das wirkliche Fell des Opfers zu verwenden,das jeweilen nur einer tragen konnte, sondern alle am Opfer Beteiligten inFelle der gleichen Art einzukleiden. Dass dies auch im kyprischen Cultusgeschah, besagt der Text des Jo. Lydus, wenn man die von mir vorgeschla-gene Conjectur annimmt. An dieser Stelle erhebt sich nun die Frage, obsich nicht der Text, der auf die Function der Priester im Cultus hindeutet,bereits vorher entweder ausdrücklich auf die Priester bezogen hat oder docheinen Hinweis auf sie einschloss. Ein solcher Hinweis bietet sich zugleichmit der vorgeschlagenen Emendation des Textes.
Bei unserer Auffassung der Stelle ist zugleich die Annahme notwendig,dass der beschriebene Ritus ein Sühnebrauch war. Das scheint sichaus verschiedenen Gründen zu ergeben. Die Opfer des folgenden Tages warenwilde Eber; und zwar wird dies durch eine Verknüpfung mit dem Adonis-mythus erklärt, sodass der semitische Ursprung nicht zu bezweifeln ist. Auchin Griechenland ist das Schwein das grosse Sühnopfer; aber in der semi-tischen Religion ist das Schweineopfer nicht ein gewöhnliches Sühnopfer,sondern ein ganz aussergewöhnlicher mystischer Brauch 789 . Wenn nun dasOpfer des zweiten Tages ein mystisches und damit ein Sühnopfer in höchstemGrade war, so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, dass das Opfer am erstenTage kein gewöhnliches Opfermahl fröhlichen Charakters war. Denn derMensch musste erst entsühnt werden, bevor er sich fröhlich an den Tischseines Gottes setzen durfte, nicht etwa umgekehrt. Die syrischen und rö-mischen Riten, die wir als Abarten des gleichen Brauches zu betrachten Grundhaben, waren offenbar Sühne- oder Reinigungsbräuche. So finden wir, dasssich in Rom die Frauen baden, was eine Form der Lustration ist, und dasssie Myrtenzweige tragen, die reinigende Kraft hatten; denn zur Zeit des Ro-mulus reinigten sich die Römer und Sabiner im Tempel der Venus Cloacinamit Myrtenzweigen 79 °. In dem syrischen Ritus, bei dem der Göttin Tierelebendig verbrannt wurden, ist der Sühnecharakter des Opfers unverkennbar;die Idee eines blossen Opferfestes ist hier yöllig ausgeschlossen.
Ein weiterer Grund für den Sühnecharakter des Opfers kann in der Wahldes Opfers gefunden werden; denn nächst dem Schwein war im Altertum derBock vielleicht das gebräuchlichste Sündopfer 701 . Es ist sogar das Auftretenvon Widderköpfen und ähnlichem in alten Ornamenten daraus erklärt worden,
789) S. oben S. 220 f.
790) Prell er, Rom. Mythologie. 3. Aufl. I, 439.
791) Hesychius, s. v. 'AcfpoSioia äfpa-