228 Fünftes Kapitel. Natürliche und künstliche Cultusstätten etc.
Fünftes Kapitel.
Natürliche und künstliche Cultusstätten. Heilige Gewässer,Bäume. Höhlen und Steine.
Wir haben gesehen, dass die Heiligkeit Abstufungen erfährt, und dasses im Bereich eines heiligen Landes oder Gebietes nahe liegt, einen innerenKreis von höherer Heiligkeit abzugrenzen, wo alle cultischen Bestimmungenmit Strenge innegehalten werden und wo auch der Mensch sich seinem Gottenäher fühlt, als selbst in anderen Teilen des heiligen Gebietes. Eine solcheStätte von höherer Heiligkeit wird das Heiligtum oder die Opferstätte, woder Verehrer sich dem Gotte mit Bitten und Gaben naht und eine Weisungfür sein Leben von seiten des göttlichen Orakels sucht. Als heilige Bezirkehaben göttliche Mächte diese Gegenden inne; so ist das Gebiet des Heilig-tums im besondern Sinne oder die Cultusstätte, ein Ort, wo der Gott in irgendeiner sichtbaren Verkörperung beständig gegenwärtig ist, oder der eine besondereWeihe durch irgend eine ausserordentliche Offenbarung der Gottheit erlangthat. Für die höher entwickelten Formen des Cultus kann ein himä von ganzunbestimmter Ausdehnung nicht mehr genügen; für die Menschen ist ein be-stimmter Punkt erforderlich, an dem sie zusammenkommen und Opfer dar-bringen können in der Gewissheit, dass der Gott dem Akt beiwohnt. In Arabienwurden, was in der That nicht unglaublich erscheint, bestimmte Opfer einfachin einem heiligen Bezirk niedergelegt, um von wilden Tieren verschlungenzu werden. Aber selbst in Arabien enthielt das himä gewöhnlich, ja wahrschein-lich immer, einen bestimmten Punkt, wo das Blut des Opfers der Gottheitdirekt dargebracht wurde, indem es auf heilige Steine gegossen wurde, oderwo ein heiliger Baum mit den Opfergaben behängt wurde. In den gewöhn-lichen Formen des Heidentums war es durchaus von Wichtigkeit, dass derVerehrer sein Opfer in den Bereich der wirklichen Gegenwart des Gottes oderin Berührung mit dem Symbol seiner Gegenwart brachte 207 .
Das Symbol oder der beständig sichtbare Gegenstand, durch den derVerehrer in unmittelbare Berührung mit dem Gotte kam, fehlte an keinersemitischen Cultusstätte; aber es hatte nicht überall die gleichen Formen und
207) Diese Regel wird auch dann beachtet, wenn der Gott ein Himmelskörper ist.Die Opfer, die die Saracenen dem Morgenstern darbrachten, wurden veranstaltet,wenn der Morgenstern aufging; sie konnten aber nicht mehr vollzogen werden, sobaldder Stern vor dem Licht der aufgehenden Sonne verschwand. Vergl. darüber den wich-tigen Bericht über Theodulus, den Sohn des Nilus, bei Nilus, Opera (ed. Paris, 1639,pp. 28. 117) [Patrologia Graeca, 79. p. 611 ff. "Wellhausen, Heidentum, 2. Aufl. p. 42].