Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
206
Einzelbild herunterladen
 

206 Achtes Kapitel. Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.

Achtes Kapitel.Die ursprüngliche Bedeutung des Tieropfers.

Ueber die Bedeutung des Opferfestes, wie wir es bei nicbt mehr bar-barischen Völkern finden, ist hinreichendes gesagt worden. Um aber dieSache völlig zu verstehen, müssen wir seinen Ursprung bis zu einem Zustandeder Gesellschaft zurückverfolgen, der weit primitiver war als das Lebender Ackerbau treibenden Semiten oder Griechen.

Die Verbünd ung durch Speisegemeinschaft.

Das Opfermahl war der entsprechende Ausdruck für das antike Idealreligiösen Lebens, nicht nur weil es ein socialer Akt war, ein Akt, an dem derGott und seine Verehrer als gemeinsam teilnehmend gedacht wurden, sondernweil, wie bereits bemerkt, die Handlung des Essens und Trinkens mit jemandschon an sich das Symbol und die Bestätigung der Gemeinschaft und der gegen-seitigen socialen Verpflichtungen war. Das eine, was im Opfermahl direktzum Ausdruck kommt, ist dass der Gott und seine Anhänger Tisch ge-nossen sind, jeder andere Punkt in ihren gegenseitigen Beziehungen ist aberin dem, was darin liegt, einbegriffen. Die, welche sich zu einem Mahle ver-einen, bilden auch für alle socialen Angelegenheiten eine Gemeinschaft; die,welche nicht mit einander essen, sind einander fremd und haben weder religiöseGemeinschaft noch gegenseitige sociale Verpflichtungen. In welcher Ausdehnungdiese Anschauung unter den alten Semiten herrschte und noch bei den Arabernherrscht, kommt am deutlichsten im Gesetz der Gastfreundschaft zum Ausdruck.Den Arabern ist jeder Fremde, der ihnen in der Wüste begegnet, von Naturein Feind, der gegen Gewaltthat keinen andern Schutz hat als die eigne Kraft,oder den nur die Furcht vor der Rache schützt, die sein Stamm für ihn nehmenwird, wenn sein Blut vergossen wird 412 . Sobald aber jemand mit einemandern zusammen auch nur einen Bissen Speise gegessen hat, hat er von ihmfortan nichts mehr zu befürchten. Sobald es heisstzwischen uns ist Salz",ist jeder verpflichtet, dem andern nicht nur nichts Böses zuzufügen, sondernauch ihm zu helfen und ihn zu schützen, als wenn er sein Bruder wäre 413 .

412) Das ist der Sinn von Gen. 4, 14 f. Kain wird hinweggetrieben vom Acker-lande" in die "Wüste, wo sein einziger Schutz das Gesetz der Blutrache ist.

413) Die milha, dasSalzbündnis" ist nicht von dem wirklichen Gebrauch mine-ralischen Salzes mit der Speise abhängig, durch die das Bündnis begründet wird. AuchMilch dient zu dem gleichen Zwecke. VergL Burckh ardt, Bedouins and Wahabys,