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Die Religion der Semiten
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162 Sechstes Kapitel. Das Opfer.

Sechstes Kapitel.Das Opfer.

Wie wir gesehen haben, erforderte die Ausübung des Cultus in derantiken Religion eine bestimmte Stätte, an der die Verehrer mit ihrem Gottezusammenkamen. Die Wahl einer solchen Stätte ist zunächst durch dieErwägung bestimmt, dass gewisse Orte von Natur die Sitze einer Gottheitund damit heiliges Gebiet sind. Für die meisten cultischen Riten genügtes indes nicht, dass der Verehrer auf heiligem Boden dem Gotte seine Ver-ehrung erweist: es ist auch erforderlich, dass er mit dem Gotte selbst in Be-rührung kommt. Das glaubt er dann zu thun, wenn er seine Verehrung aneinen Naturgegenstand richtet, wie an einen Baum oder eine heilige Quelle,die man als den wirklichen Sitz des Gottes oder als eine Verkörperung desgöttlichen Lebens betrachtet, oder wenn er mit einem künstlichen Symbol derGegenwart der Gottheit in möglichst nahe Berührung kommt. In den ältestenFormen der semitischen Religion ist dies Symbol ein heiliger Stein, der zugleichein Gottesbild und ein Altar ist; in späterer Zeit standen Gottesbild undAltar neben einander, und die ursprüngliche Bedeutung des heiligen Steineswar gesondert auf beide übergegangen. Das Abbild stellte die Gottheit alsgegenwärtig dar; der Altar war für die Gaben der Verehrer bestimmt. Beidesind nötig, um ein vollständiges Heiligtum zu bilden, weil zu einem voll-ständigen cultischen Akte nicht nur erforderlich ist, dass der Verehrer demGotte mit dem Ausdruck seiner Huldigung und mit Gebeten unmittelbar nahe-tritt, sondern dass er auch eine materielle Opfergabe vor der Gottheit niederlegt.Im Altertum war eine cultische Handlung ein in ihren Formen genau geregeltesVerfahren, bei dem bestimmte, vorgeschriebene Riten und Ceremonien sorgsambeobachtet werden mussten. Unter ihnen nahm die Darbringung des Opfersauf dem Altar eine so centrale Stellung ein, dass bei den Griechen und Römerndie Ausdrücke tepoupyt'a und sacrificium, die in ihrer ursprünglichen Bedeutungjede cultische Handlung bezeichneten, zur Bezeichnung dieser Opferdarbrin-gungen auf dem Altare dienen, um die sich alle andern Bräuche des cultischenRituals drehten. Das alte Testament macht den Unterschied von nat und" 1^i das h. blutige und unblutige Opfer. (Luther: Schlachtopfer und Speis-opfer). Wir fassen für die Zwecke unserer vorliegenden Erörterung beideArten der Darbringung unter dem allgemeinen Begriff des Opfers zusammen.

Warum in der antiken Religion jede vollständige cultische Handlungihren charakteristischen Ausdruck im Opfer findet, und worin die Bedeutungder Opferhandlung liegt, ist ein verwickeltes und schwieriges Problem. Und