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Die Religion der Semiten
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102 Viertes Kapitel. Die Beziehung des Menschen zu heiligen Stätten.

Viertes Kapitel.Die Beziehung des Menschen zu heiligen Stätten.

Wir haben bisher den natürlichen Charakter der Cultusstätte als Sitzder Gottheiten betrachtet, aus dem erhellt, dass diese im letzten Grunde selbstGlieder des Weltganzen sind und damit zu heiligen Orten in natürlichen Be-ziehungen stehen. Wir wollen jetzt die Wohnsitze der Götter unter einemandern Gesichtspunkte, nämlich in ihrer Beziehung zu den Menschen, be-trachten sowie das Verhalten, das die Menschen an ihnen und ihnen gegen-über beobachten müssen.

Das Wesen der Heiligkeit.

Der beherrschende Grundsatz, durch den dies Verhältnis bestimmt wird,ist, dass die Cultusstätte heilig ist und nicht als eine profane Stätte behan-delt werden darf. Der Unterschied zwischen dem Heiligen und Profanen istin der antiken Religion von ganz besonderer Bedeutung, aber er ist derart,dass er sich nur sehr schwer genau bestimmen lässt, weil sich seine Auffassungim Wechsel der Zeiten mit dem allgemeinen Entwicklungsgang des religiösenDenkens wandelt. Für uns istHeiligkeit" ein ethischer Begriff; Gott alsdas vollkommene Wesen ist der vollendete Typus der Heiligkeit. Die Men-schen sind in dem Masse heilig, wie ihr Leben und ihr Charakter Gott gleichist. Orte und Dinge können nur im bildlichen Sinne als heilig bezeichnetwerden in Rücksicht auf ihre Beziehungen zu geistigen Grössen. Dieser Be-griff der Heiligkeit geht auf die hebräischen Propheten zurück, besonders aufJesaia [Jes. 2, 16 ff.; Micha 6, 8]; aber er ist nicht die in der antiken Reli-gion gebräuchliche Auffassung, noch entspricht er dem ursprünglichen Sinne desgemeinsemitischen Wortes, das wir mitheilig" wiedergeben. Wenn es auchnicht leicht ist, die Idee der Heiligkeit in der alten Religionsform des Semitis-mus genau zu bestimmen, so ist doch völlig sicher, dass sich der Begriff garnicht auf eine sittliche und lautere Lebensführung bezieht. Personen warenheilig", nicht vermöge ihres Charakters, sondern vermöge ihrer Rasse, ihresBerufes oder bloss äusserer Weihe. An kanaanitischen Cultstätten wurde dieBezeichnung heilig als Heilige" (masc. O^li?, fem. rnt^i? Hierodulen) auf dieam tiefsten Verkommenen angewandt, die sich den schamlosesten Bräucheneiner corrupten Religion preisgaben, und deren Leben, wenn es nicht mit demCultus in Verbindung gestanden hätte, selbst vom Standpunkte des Heiden-tums aus als schandbar gegolten hätte. In der antiken Religion aber ist die