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Die Religion der Semiten
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Die Entwickelung des Opferritualfl. Feueropfer und Sühnopfer. 271

Zehntes Kapitel.Die Entwickelimg des Opferrituals. Feneropfer und Siilmopfer.

Wir haben soeben gesellen, dass sich das Sündopfer wie das gewöhnlicheOpfer in geradliniger Entwickelung aus dem primitiven Gemeinschaftsopfergebildet haben, bei dem das Opfer ein heiliges Tier ist, das für gewöhnlich nichtgeschlachtet oder genossen werden darf. Aber während in dem einen Falledie Vorstellung von der besonderen Heiligkeit und dem unverletzlichen Charakterdes Opfertiers allmählich zurücktritt, hat im andern Falle diese Auffassungdes Opfers eine Verstärkung erfahren, bis ein Anteilnehmen an dem Fleischauch in der Form religiösen Brauches für eine Gottlosigkeit galt. Jede dieserentgegengesetzten Entwickelungsreihen lässt sich bis zu einem gewissen GradeSchritt für Schritt verfolgen. In betreff des Opfermahls finden wir bei denSaracenen des Nilus und bei afrikanischen Völkern, für die das Rind eineähnliche Heiligkeit hat, wie für die Araber das Kamel, dass das sacramentaleFleisch anfänglich nur unter dem Zwange der Not gegessen wurde; und wenndies geschah, so wurde es auch wie jede andere Speise zubereitet. Daranschliesst sich die Stufe, die sich in der althebräischen Religion darstellt, aufder Haustiere unbedenklich gegessen werden durften, jedoch nur unter derBedingung, dass sie als Opfer am Altar dargebracht und bei einem heiligenMahle verzehrt wurden. Schliesslich wird eine Stufe der Entwickelung erreicht,auf der wie in Griechenland zur Zeit des Apostels Paulus (I. Kor. 8)das Ochsenfleisch unbedenklich in Fleischbänken verkauft wurde, oder wo wie in Arabien vor Muhammads Zeit nichts weiter erforderlich war,als dass ein zum Lebensunterhalt bestimmtes Tier im Namen eines Gottesgeschlachtet wurde. Bei den Sühnopfern kommt andererseits vielfach einGegensatz zum Ausdruck zwischen der Anschauung, dass das Opfer zu heiligsei, um gegessen oder auch nur berührt zu werden, und dem Grundsatz, dassseine sühnende Wirkung daran gebunden ist, dass die Verehrer an seinemLeben, seinem Fleisch und Blut, Anteil haben. In dem einen Cultus wirdetwa das Fleisch gegessen, oder das Blut getrunken, aber nur von geweihtenPriestern; in einem andern wird das Fleisch verbrannt, das Blut aber überdie Hände oder den Körper der Sünder ausgegossen; in einem andern Cultuswieder wird die Sühne durch die Asche des Opfers bewirkt (z. B. die Ascheder roten Kuh, Num. 19, 110). Oder es genügt endlich, dass der Opferndeseine Hand auf den Kopf des Opfertieres legt, bevor es geschlachtet wird,und dass dessen Blut dann auf dem Altar dargebracht wird.