Druckschrift 
Die Religion der Semiten
Seite
342
Einzelbild herunterladen
 

342 Anhang. Das Schaf'opfer im Cultus der kyprischen Aphrodite.

Opfer der cervaria ovis zum Ausdruck kam, wobei die Vorstellung hervorge-rufen werden sollte, dass das Schaf ein Hirsch sei. Denn das Anlegen einesFells hat in der alten Religion den Sinn, ein Tier mit einem andern, indessen Fell es eingehüllt ist, als identisch erscheinen zu lassen. Eben deshalbaber hat es gar keinen Sinn, ein Schaf noch in ein Schaffell zu hüllen. Ichmöchte deshalb eine andere Lesung des Textes vorschlagen, die sich durch dieVeränderung eines einzigen Buchstaben ergiebt, indem ich für eax£7raauivov"eaxE7ca:a|iivoi" lese 780 . Damit gewinnen wir an sich einen guten Sinn, derauch durch den Zusammenhang des Textes und durch Analogien empfohlen wird.Die Bedeutung des Schaffells im antiken Ritual ist von L o b e c k inseinem Aglaophamiis (1829) und von Preller in seinem Commentar zu denFragmenten des Polemo (1838) erklärt worden. Es erscheint stets im Zu-sammenhang mit Sühneriten und mystischen Bräuchen; in den meisten grie-chischen Beispielen hat der Brauch offenbar darin bestanden, dass die voneiner Schuld zu entsühnende Person ihren Fuss, oder speciell ihren linkenFuss, auf das Fell eines geopferten Widders setzte. Indes war dies nicht dieeinzige Art, wie das Fell (xoj8:gv) zur Anwendung kam. Nach dem Berichtdes Dicaearchus gab es in Thessalien einen cultischen Brauch, der beider grössten Hitze des Sommers ausgeübt wurde, wobei die Verehrer zumTempel des Zeus Acraeus auf dem Pelion in neue Schaffelle gekleidetemporstiegen 787 . Als Pythagoras von den Priestern des Morgus auf Kretagereinigt wurde, Hess man ihn neben einem Wasser liegen am Tage amMeere, in der Nacht an einem Fluss, wobei er in das Fell eines schwarzenSchafes gehüllt war, und in schwarze Wolle gekleidet stieg er zum Grabmaldes Zeus hinab 788 . Zu Hierapolis ferner war das erste Opfer jedes Verehrersein Schaf. Nachdem der Opfernde von dem Fleische desselben genossen hatte,legte er das Fell auf den Boden und kniete darauf, indem er Füsse und Kopfdes Opfers auf seinen eignen Kopf emporhob. In dieser Haltung flehte er dieGottheit an, sein Opfer anzunehmen. Hier ist ganz evident, dass die Ce-remonie die Identifizierung des Opfernden mit dem Opfertier zum Ausdruckbringt. Das Fleisch des Opfertiers hat er in seinen Leib aufgenommen undmit dem Fell desselben bedeckt er sich. Es ist das gleichsam eine Umkeh-rung der Idee der Stellvertretung im Opfer. Die direkte Symbolik des stell-vertretenden Opfers, wobei das Leben eines Tieres an Stelle des Lebens einesMenschen angenommen wird, besteht darin, dass das Opfer behandelt wird,als ob es ein Mensch wäre. So trägt auf Tenedos das männliche Kalb, dasdem Bakchus geopfert wird, den Kothurnus, und das Muttertier wird wie

786) [Gegen die Auffassung der Astarte als Schafgöttin wendet sich Baudissin,PRE 3 . II, 157. Für die Conjectur lässt sich indes geltend machen, dass sie eine schwerereLesart gewinnt, die nur aus der Kenntnis des cultischen Brauches verständlich ist. DieLesung Eay.s7iaa|iEvov der Hss. (s. Wuensch, p. 119) beruht vielleicht darauf, dass derNomin. keinem Abschreiber mehr verständlich war.]

787) Pragm. Hist. Graec. II, 262. ['Ert' äxpag £s xvjj xoö öpous nopuiprig ...Atöj 'Axxaiou iepiv, scp' 6 xaxa xuvoj ävaxoXy] 1 / y.axa äy.|j.xt.6xaxov xaO|J.a ävaßaivouai xräv7ioXitü>v oi ETUtfavEaxaxo; y.ai Tale rjXiy.ia'.c; äy.|idt;ovTss, £m).syßeYZ£<z sjti xoö cspEüis, £vs£ci>a-uevoi y.u>5:.a xpinoxa -/.a;vd." Die Begründung dieses Braucheswegen der Kälte auf demBerge" ist wohl eine spätere rationalistische Deutung.]

788) Porphyrius, Vita Pythag. § IT.Kp^tr/g S' ETtißäs xol? Mopyoo |iüaxaisTtpoaVjei svög xüJv 'ISaiojv SaxxuXtov, &<p" <&v "xai S'/.afl dpS-i) -y xepauvia Xi9-(p, iraS-sv |j.ev napdö-aXaxxv} TtpYifVjg sy.xaS-Eis, vuy.xcop 5s itapd 7ioxa|i(p äpvEtoü usAavo? naXXoIg saxscfaveouivoj."