Blutsgemeinschaft und Blutbund. 239
Neuntes Kapitel.
Die sacramentale Wirkung des Tieropfers. Verwandte cnl-tische Bränclie. — Das Blntbündnis. Blnt- nnd Haaropfer.
Im vorigen Kapitel waren wir auf eine nähere Erörterung des Unter-schiedes eingegangen, der in späteren Perioden des antiken Heidentunis zwischenden gewöhnlichen Opfern gemacht wird, bei denen das Opfer eines der Tiereist, die gewöhnlich zum menschlichen Lebensunterhalt dienen, und den ausser-ordentlichen oder mystischen Opfern, deren Bedeutung in dem aussergewöhnlichenAkt der Gemeinschaft mit der Gottheit liegt, die durch das Teilhaben an heiligemFleisch, das dem Menschen für gewöhnlich verboten ist, hergestellt wird. Li-dern wir diesen Unterschied mitersuchten und mit unserer Prüfung der Zeug-nisse auf den ursprünglichen Zustand der Gesellschaft, in der sich das Opfer-ritual zuerst ausgestaltete, zurückgingen, wurden wir zu dem Schlüsse ge-führt, dass in den ältesten Zeiten alle Tieropfer sacrosanct waren, und dassden Göttern kern Tier geopfert wurde, das nicht zu heilig war, um ohne reli-giösen Zweck geschlachtet und gegessen zu werden, wobei die Zustimmungund Beteiligung des ganzen Stammes erforderlich war.
Blutsgemeinschaft und Blutbund.
Für die ältesten Zeiten verschwindet mithin der vom späteren Heiden-tum ausgebildete Unterschied zwischen gewöhnlichen und aussergewöhnlichenOpfern. In beiden Fällen ist die heilige Handlung ein Akt, an dem dieganze Gemeinschaft beteiligt ist, die als ein Kreis von Brüdern angesehenwird, die mit einander und mit ihrem Gotte durch ein Teilhaben an demselbenLeben oder Blute in Zusammenhang stehen. Das gleiche Blut fliesst nachihrer Anschauung auch in den Adern des Opfertiers, sodass sein Tod zugleichein Vergiessen des Stammesbluts und eine Verletzung der Heiligkeit desgöttlichen Lebens ist, das jedes Mitglied des heiligen Kreises, menschlichewie vernunftlose Wesen, durchströmt. Trotzdem ist das Schlachten einessolchen Tieres bei festlichen Gelegenheiten erlaubt, ja erforderlich, und alleStammesgenossen haben an dem Genuss des Fleisches Anteil, um dadurch diemystische Einheit unter einander und mit ihrem Gott zu festigen und zu be-siegeln. In späteren Zeiten ist es die gangbare Anschauung, dass jedeSpeise, die zwei Menschen gemeinschaftlich genossen haben, sodass die gleicheSubstanz in ihre Leiblichkeit übergegangen ist, hinreicht, um eine geheiligte Ein-heit zwischen ihnen herzustellen. In alten Zeiten scheint jedoch diese Bedeutung