Erstes Kapitel. Einleitung: Gegenstand und Methode der Untersuchung.
Erstes Kapitel.Einleitung: Gegenstand nnd Methode der Untersuchung.
Der Gegenstand unserer Darstellung ist die Religion der semitischenVölker, das heisst jener Gruppe verwandter Völker, welche die Araber, He-bräer und Phönicier, die Aramäer, Babylonicr und Assyrer mnfasste, und diein alten Zeiten die grosse arabische Halbinsel nebst den fruchtbaren Gebietenvon Syrien, Mesopotamien und Irak vom Gestade des Mittelmeeres bis zumFusse der Gebirge Irans und Armeniens inne hatte. Von den grossen Re-ligionen der Welt entstammen drei dem Bereiche dieser Völker, so dass dieSemiten für das Studium der Religionsgeschichte stets in besonderem Massevon Bedeutung sein müssen. Unser Gegenstand ist jedoch nicht die Geschichteder einzelnen Religionen semitischer Herkunft, sondern die Religion der Se-miten als ein Ganzes nach ihren gemeinsamen Zügen und ihrem allgemeinenCharakter.
Positive und traditionelle Religion bei den Semiten.
Judentum, Christentum und Islam sind positive Religionen, das heisst,T"sie erwuchsen nicht, wie die alten heidnischen Religionssysteme, unter demAntrieb unbewusster, von einem Zeitalter zum andern im stillen fortwirkenderKräfte, sondern führen ihren Ursprung auf die Lehre grosser, religiös schöpfe-rischer Persönlichkeiten zurück, die als Organe göttlicher Offenbarung redetenund sich mit Bedacht von den Ueberlieferungen der Vergangenheit loslösten.: Im Hintergrunde dieser positiven Religionen erhielt sich — unbewusst — diealte religiöse Ueberlieferung, der Kern des religiösen Herkommens und Glau-bens, der sich nicht auf persönliche Meinungen gründete und sich nicht aufGrund einer persönlichen Autorität verbreitet hatte. Vielmehr bildete er einenBestandteil des aus der Vergangenheit Ueberkommenen, in dem ein Geschlechtder semitischen Rasse nach dem andern — wie einem natürlichen Antriebefolgend — aufgewachsen war, indem sie es als eine feststehende Thatsacheansahen, dass sie glauben und handeln müssten, wie ihre Väter vor ihnengethan hatten. Die positiven semitischen Religionen mussten sich auf einerGrundlage ausgestalten, die bereits durch diese älteren religiösen Anschauungenund Bräuche in Anspruch genommen war; sie mussten davon verdrängen, wassie sich nicht anpassen konnten. Mochten sie aber die Bestandteile der altenReligion verwerfen oder in sich aufnehmen, in jeder Hinsicht hatten sie mitihnen zu rechnen und ihnen gegenüber eine feste Stellung einzunehmen. Keine
Smith. Religion. 1